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  „Warum gerade ich“ – vom Sinn des Leidens

Fastenpredigt von Pfr. Gerbl am 17.02.2002 in St. Matthias

(Einleitende Textstellen: Lk 9,1-3,6; Mt 10,1.9-11; Mk 6,7-13)

 

A  Keine Frage wurde mir in den 10 Jahren meiner Tätigkeit als Klinikseelsorger öfter gestellt als diese, in all ihren möglich Variationen. "Warum gerade ich – was hat das alles für einen Sinn, diese Krankheit, dieses Leid?" Einen geradezu penetrant „Warum“-fragenden Patienten konnte ich nur mit der Gegenfrage „Warum Sie nicht!“ stoppen.

 B  Denn es ist so: Leid und Krankheit gehören zu unserem Leben, wie Glück und Wohler­gehen. Eine nüchterne, je eigentlich banale Feststellung.
Und wenn obige Frage besagen möchte, Leid gehöre eigentlich nicht zu uns­rem Leben und es müsste eigentlich einen Weg ge­ben, es aus unserem Le­ben zu entfernen und es wäre Auf­gabe unserer Medizin, diesen Weg zu finden, so irren wir uns also gründlich.

Ein Biologe der Fünfziger Jahre hat einmal gesagt: "Mit der Erfindung der Mehrzelligkeit kam der Tod, mit der Erfindung des Nervensystems kam der Schmerz und mit der Erfindung des Bewusstsein kam die Angst." Leid – Synonym für Krankheit, Schmerz, Angst, Böses – Leid in welcher Form auch immer gehört zum menschlichen Leben und Erleben. Und es betrifft alle Beziehungen des Menschen, die zu sich, zu den anderen (2), seiner Umwelt  und zu Gott (1), weil es alle diese Beziehungen in Frage stellt.

Deshalb soll von zwei Themen die Rede sein: „das Leid und Gott“ und „das Leid und der Mensch“.

 

1 Leid und Gott: "Wie kann ein gütiger, lieben­der Gott Leid - Krankheit – Böses zulassen?"

 a   „Großer  Gott, steh uns bei!“ Diese Schlagzeile, mit der am Tag nach den Terroranschlägen von New York und Washington eine Zeitung titelte, war vielen Menschen aus dem Herzen gespro-chen. Hilf- und sprachlos hatten sie vor dem Fern-seher gesessen, fassungslos angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, voller Mitleid für die betroffenen Opfer und ihre Familien. Als Schlag-zeile ein Stoßgebet, wie es eindrücklicher nicht sein kann.

„Wo warst du, lieber Gott, in Eschede?" So hatte ein Boulevardblatt noch im Juni 1998 getitelt, nachdem der ICE Wilhelm Conrad Röntgen bei Eschede 101 Menschen in den Tod gerissen hatte. Fahrgäste, die damals in den vorderen Wagen fast unverletzt überlebten, sagten den Journalisten später: „Gott hat mich vor dem Tod bewahrt." Die Angehörigen derer, die in den Trümmern der Wagen zu Tode kamen, hingegen fragten sich verzweifelt: „Warum hat Gott uns dies angetan? Warum hat er diese Katastrophe nicht verhindert? Konnte er nicht in letzter Minute die Notbremse ziehen?"

 b   „Wo warst du, Gott?" - „Gott, steh uns bei!" Das sind zwei ganz und gar unterschiedliche Weisen, mit einer Katastrophe umzugehen:
-  hier die quälende Frage nach der Allmacht Gottes („Warum lässt ein liebender, allmächtiger Gott diese Katastrophen zu ?"), dort ein vertrauensvolles Gebet. 
-  Hier ein philosophisches, logisch letztlich un-lösbares Problem, dort ein Bekenntnis. Die Weise, wie Kirche und Öffentlichkeit  das Inferno von New York und Washington zu bewältigen suchen, zeigt die Stärke des zweiten Weges: „Du wirst alle Tränen von den Augen abwischen", zitierte Kardinal Karl Lehmann. Und angesichts der aus den Hochhäusern stürzenden Menschen drückte Bischof Wolfgang Huber die tiefe Hoffnung aus, dass wir Menschen „nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand".

c   Dennoch: Gott gerät in Frage, das Bild, das Men­schen von Gott haben, wird fragwürdig, wenn nicht gar zwielichtig: Leid (Böses) passt nicht zu Gott, der doch gut ist, wie von allen Kanzeln verkündet wird. Härter: „Gott will entweder das Übel wegschaffen und er kann es nicht; oder er kann es und will es nicht; oder er will es nicht und kann es nicht.“ Der Schluss daraus, es könne Gott gar nicht geben, liegt nicht fern.
-  Die  Frage ist eigentlich, wie Gott all die Schrecken und Schmerzen  seiner Welt vor sich selbst rechtfertigen will. Dieses Problem ist eigentlich unlösbar.  Es besteht ein bizarr anmutender Kontrast zwischen dem Gott der Theologen (allmächtig, allwissend, allgütig....) und der Welt, wie wir sie kennen und erleben, ein Kontrast, an dem mittlerweile der Glaube einer Generation nach der anderen zerbricht, mit dem Atheismus sich rechtfertigt. („Leid ist der Fels des Atheismus“- Gg. Büchner).
-  Für die Menschen der Moderne enthält die Vorstellung von Gottes Allmacht zu viele unerträgliche logische Widersprüche.
Nur: So ist es, so muss es sein, wenn Gott für mich ei­ner ist, der allmächtig die Welt und ihre Ord­nung erschaffen hat, diese von weit weg (Himmel) beobachtet, jede Unordnung unter Strafe stellt und sich dafür durch Opfer besänftigen lässt. Was Wunder, dass bei einem solchen Gottes- und Weltbild für Tod und Krankheit kein Platz ist, beides wie Strafe durch Gott und Ver­lassensein von Gott verstanden werden muss.

Dass Gott für ein von Menschen verursachtes Unglück – das meiste ist direkt oder indirekt, mittelbar oder unmittelbar von ihm verursacht -  direkt verantwortlich ist, lässt sich zumindest logisch ausschließen.  Gott hat nach biblischem Bekunden eindeutig freie Menschen erschaffen. Warum und wie sollte er sie dann lenken wollen, ihre Eigenverantwortung durchkreuzen?

Die Logik versagt allerdings kläglich, wenn Menschen wahllos und ungerecht zu Opfern werden. „Warum gerade ich?" - diese Frage ist prinzipiell nicht mit Logeleien, sondern nur mit Handeln zu beantworten: durch Hilfe, Zuneigung, Trost.
-  Gottes Allmacht ist im NT (anders als im Alten) kein zentraler Begriff.  Das kennt zurückhalten-dere Formeln, zum  Beispiel diese: „Alle Dinge sind möglich bei  Gott" (Markus 10, 27). Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens ist etwas anderes als die Omnipotenz: Dieser Gott ist in seinem Sohn verfolgt, verurteilt, gekreuzigt worden - aus Liebe zu den Menschen. Die Nähe zum Menschen, nicht die Herrschaft über ihn: Das ist seine Dimension. Wenn viele Christen gleichwohl an seiner Allmacht festhalten, dann, weil sie einen „Schuldigen“ suchen, eine Entschuldigung für die eigene Zusdändigkeit brauchen. Anderen sind die Prinzipien der Liebe, des Vertrauens und der Ge-borgenheit für ihr Leben wichtiger. 

e  Vielleicht müssten wir wieder lernen, Gott zu se­hen als einen, der mit uns ist und geht (Jahwe = ich bin da, so, wie die jeweilige Situation es erfordert), als einen, der ungeheuren Respekt vor der Freiheit des Menschen (s. Gleichnis vom barmherzigen Vater!) und dem Selbstand der Schöpfung hat, als einen, der in Jesus sich selbst vom Leid treffen und betreffen ließ und in ihm mit uns und für uns in den Tod ging, als einen, der uns so immer wieder aus unseren engen Grenzen herausruft zu Grenzüberschreitungen (Transzendenz), zur Annahme auch von endgültigen Grenzen (Sterben und Tod). So könnte Glaube, im Sinne von Vertrauen, das trägt, auch und gerade an Grenzen, entstehen. Die Folge könnte ein Selbstvertrauen sein, das in solchem Fremdvertrauen gründet, d.h. in der Erfahrung des An- und Aufgenommenseins durch den anderen (Gott).

f  Das bedeutet nun nicht, dass wir Menschen nicht alles uns mögliche unternehmen sollten, dafür zu sorgen, dass  Krankheiten heilbar, vielleicht sogar vermeidbar, dass berufliche Risiken vermindert oder gar ausgeschlossen werden, dass unsere menschlichen Beziehungen gelingen oder immer wieder geklärt werden. Aber wenn es nun immer wieder böse Situationen, harte und tragische, gibt, unvermeidlich oft, dann bringt es nicht recht weiter, „warum“ zu fragen – denn solches Fragen richtet sich immer in die Vergangenheit, die nicht mehr änderbar ist, denkt immer von uns weg auf andere -, sondern dann heißt es – auf Zukunft hin - „wozu“ zu fragen, da jegliches Ereignis in unserem Leben eine Anfrage ist an uns. Wenn es uns dann gelänge, oft nur mit Hilfe anderer, eine Antwort zu finden, eine neue Perspektive zu entdecken, dann wären wir ganz nah am Leben; denn Leben hat die Eigenheit, immer weiterzugehen in Richtung Zukunft. 

 g  Eine definitive Lösung dieser Frage (Überleitung), die sich eigentlich auch nicht mit dem Rückzug auf die Barmherzigkeit Gottes beantworten lässt, wird erst möglich sein, wenn wir damit beginnen, Gott sein zu lassen und uns damit begnügen, zu fragen, wer wir als Menschen sind in dieser Welt.
Der Konflikt zwischen dem „guten Vater“, den Jesus uns brachte, und dem so ganz anderen „Schöpfer“ der Welt ist identisch mit den Konflikt zwischen den Erwartungen, die wir als Menschen moralisch an die Natur richten, und den Erfahrungen, die wir mit der Weltwirklichkeit machen. Manchmal denke ich, dass wir in der Frage der „Rechtfertigung Gottes“ (der „Theodizee“) angesichts der Übel der Welt lediglich den Kontrast von Mensch und Welt, von Kultur und Natur auf Gott projizieren und dort, im Himmel, nach einer Lösung suchen, die wir nur auf Erden zu finden vermögen.
Es geht also eigentlich nicht um eine „Rechtfertigung“ Gottes, sondern die Bewahrung und Bewährung von uns Menschen angesichts des Bösen.
Ich persönlich brauche Gott nicht so sehr, um meine physische Existenz und die der Welt um mich herum zu erklären.
Ich brauche die Vorstellung Gottes, um die Menschlichkeit meiner Existenz in dieser so gewordenen (nach Auskunft aller Physiker und Biologen sich von den chemischen Uranfängen her aus sich selbst erklärbaren) Welt zu begründen und sie leben zu können.
Sagen wir es so: nicht Gott „leidet“ an der Welt, die er „gemacht“ hat, wir Menschen leiden an einer Welt, der wir häufig so ohnmächtig gegenüberstehen. Deshalb: "warum gerade ich?"
Damit sind wir beim 2. Problemkreis



 2. Leid und Mensch: warum gerade ich?

Die eigentlich vorrangige Frage ist also, wie wir Menschen mit Leid und Krankheit umgehen, also nicht nur wie wir dies sehen oder verstehen oder gar erklären können, sondern vor allem wie wir damit leben.

a  Krankheit als Zufall.
 Dies vor allem dann – ein erster Gedanke - , wenn Krankheit jemanden un-mittelbar, schwer, vielleicht sogar unvorhergesehen, wenn Sie so wollen „zufällig, trifft; denn er leidet dabei nicht nur an dem Schmerz, sondern vor allem an der Angst, die der scheinbaren Sinnlosigkeit oder auch Ausweglosigkeit der Situation entspringt. Also die Frage:
-  „Warum ich?“  Überraschung, Ratlosigkeit, Unvorstellbarkeit drücken sich in dieser Frage aus.  Vermeintliche Selbstverständlichkeiten (Gesundheit, Wohlergehen ...) werden hier in Frage gestellt. Selbstsicherheit (ich habe alles im Griff . .) wird entlarvt. Etwas Grundsätzliches klingt hier an: Wesentliches in meinem Leben ist nicht machbar, es ist Geschenk, unverdientes; Dankbarkeit als eine Grundhaltung im Leben wird in Erinnerung gerufen.
Und das alles fällt den Menschen nicht leicht - deshalb die überraschte Frage: "Was, ich?".  Eigentlich müsste sich der Mensch (Christ) dagegen fragen lassen (siehe Einleitungsgeschichte!): "Warum ich nicht?" Oder versteckt sich dahinter die egozentrische Haltung: "Die anderen, ja, ich doch nicht!“?
- Erkrankung – eine ernste – ist immer eine grundsätzliche In­fragestellung des Menschen, die neben den körperlichen Symptomatiken auch psychische Reaktionen auslöst, wie die bekannte Ärztin Dr. Elisabeth Kübler-Ross sie in langjähriger praktischer Erfahrung festgestellt hat: das Nicht-wahr-haben-Wollen, die Aggression, das Verhandeln, die Niedergeschlagenheit (Depression) und auch schließlich die Zustimmung.

Hinter jedem „Warum“ steht die natürlich „Ursachenforschung“. Auch der Arzt treibt natürlich  „Ursachen-Forschung“, denn er soll ja eine Diagnose erstellen und eine Therapie finden; seine „Ursachen-Forschung“ geht naturgemäß jedoch in der Regel nur so weit, wie seine therapeutischen Mittel reichen. Die eigentliche „Urachen-Forschung“   kann erst dann ansetzen, wenn die einzelnen „Phasen“ eines Krankheitsprozesses durchlaufen sind, mit Hilfe z.B. eines erfahrenen Therapeuten oder Seelsorgers „durchgearbeitet“ sind. Dabei kann sich durchaus die Frage nach dem Warum „erledigen“, muss es jedoch  nicht. Aber es besteht dabei die reelle Möglichkeit, auf das zu stoßen, was zur Gesundung beiträgt, vielleicht nicht unbedingt der körperlichen, sondern vor allem der seelischen. Dass das ganz von selbst „das Leben bereichert“, brauche ich nicht eigens zu sagen.  

b  Leid als Weg zum Wesentlichen.

 Daraus folgt ein 2. Gedanke. Ich halte den Umgang mit Leid und Krankheit für einen möglichen Weg, der zum Wesentlichen des Lebens führt.
 Da Krankheit an den Kern, die Substanz un­seres Lebens geht, deshalb läßt sich letztlich nur aus dem Glauben heraus eine Antwort finden. Denn ganz sicher hat Gott mit jedem von uns etwas vor, nämlich, dass unser Leben glücklich, heil, „heilig“ letztlich, wenn Sie so wollen, sich gestaltet.

-  Das heißt aber nicht, wie schon gesagt und durch unsere Erfahrung  belegt, dass es in unserem Leben nicht diese dunklen Seiten und Zeiten gibt, und in ihrer Folge  Not Angst, Haß usw. und schon gar nicht, wie plötzlich, wie dicht, wie schier unerträglich oft sich das alles jeweils einstellt (da lässt sich durchaus von „blindem Zufall“ reden – s. a: Krankheit als Zufall).
-  Aber eines ist sicher. Gerade in diesen „schweren“ Zeiten sind wir gefordert, liegt es durchaus auch in unserer Hand, wie wir mit dem jeweiligen „Schicksal“ umgehen, welche Kräfte wir mobil zu machen imstande sind, welche Menschen wir an unserer Seite haben (Beziehungen gilt es zu pfle­gen), wie es um unser Vertrauen zu Gott bestellt ist (ob es überhaupt besteht, oder nur in guten Tagen). Da gilt es nicht, zu Gott zu schreien, er möge uns vor diesem oder jenem bewahren, oder er möge das oder dies von uns nehmen, sondern viel eher zu bitten, dass uns die Kraft (Geduld, Mut, Vertrauen, Beistand von Menschen) zukäme, die wir in gerade dieser Situation benötigen.
-  Gott wird diese Welt und uns Menschen nicht anders gestalten, wir sind unfertige Wesen, die Grenzen haben und diese immer wieder auch erfahren (extrem in der Erfahrung des Sterben-Müssens). So einmalig jede und jeder von uns ist, so einmalig und unverwechselbar wird auch unser Lebensweg sein. So gesehen gibt es weder Rezepte, noch kann ein anderer wissen, was für mich wichtig und gut ist. Das bleibt immer, ein Leben lang, unsere Sache. 

c Deshalb die Frage: wie gehe ich mit Leid um

 Letztlich geht es im Leben  immer wieder um das gleiche, nämlich das Wesentliche vom Unwesentli­chen zu unterscheiden: das Gebet, die Meditation ist der „positive“ Zugang zu dieser Unterscheidung, das Leid und die Krankheit die „negative“ sozusagen.
-  Und den Weg des Leids zu gehen, ist allemal das schwierigere Unterfangen. Einerseits macht Leid von Natur aus  egoistisch - es lässt uns um uns selber kreisen und verstellt den Blick nach außen, macht fast blind - wie soll in solcher Situation der Blick frei werden für anderes, geschweige denn das Wesentliche? Zum anderen macht es aggressiv, weil wir uns angegriffen, in die Enge getrieben erleben und zu-gleich dabei hilflos, ohnmächtig; wir klagen nicht nur, wir klagen an - Gott und die Welt - suchen einen Schuldigen - wie soll da der Blick frei werden für das Wesentliche?
-  Solange wir Leid ausschließlich sehen als etwas, was nicht sein darf oder soll, solange wir infolgedessen unsere ganze Kraft dazu verwenden, es zu bekämpfen, es loszuwerden, werden wir nie zu der Einsicht kommen, Leid könnte etwas sein, was uns weiterführt, Leid könnte gar Zeichenfunktion in unserem Leben haben. So kann es uns auch nicht behilflich sein, neue Wege einzu­schlagen, auf das Wichtige zu sehen und Unwichtiges beiseite zu schieben, so zum Wesentlichen (Unvergänglichen) zu kommen.
-  Leben - und zum Leben gehört immer auch Leid - gilt es nie nur zu tragen, er reicht auch nicht es nur zu ertragen, immer gilt es auch, es auszutragen (Frauen wissen das besser als Männer).

Haben Sie schon einmal bedacht, was es bedeuten kann für Sie und die Menschen in Ihrer Umgebung, wenn Sie Ihre Schmerzen ertragen, Ihre Krankheit und die damit verbundenen Grenzen annehmen, Ihr Alter und die es begleitende Schwäche nicht als „Wertminderung“ werten, mit Mut und Hoffnung jeden neuen Tage beginnen - was das heißt bzgl. “noch zu etwas taugen“? Wie oft bin ich als Klinikpfarrer aus Krankenzimmern gegangen, tief beeindruckt und betroffen und nicht selten beschämt, wenn ich erlebt habe mit welcher Zuversicht, mit welcher Kraft Menschen gerade zu den Zuständen Ja gesagt haben, die ihnen so zu schaffen machten. Für mich ist es die größte „Leistung“ im Leben eines Menschen, wenn er es zusammenzusammeln lernt, mit all den guten und schönen, aber auch mit alle den schweren und oft schier unerträg­lichen Seiten und Zeiten und er zu dem „Ergebnis“ ja sagen kann.

d  Deshalb erlaube ich mir zusammenfassend ein paar grundsätzliche Erfahrungen zu nennen, von denen ich glaube, daß sie für jede(n) bedenkenswert sind, der mit schwerer Erkrankung – aber auch Krisen jeder Art und Leid jeden Ausmaßes -umzugehen lernen musste oder muß.
-  Schwere Erkrankungen (Krebs, Herz/Kreislauf, Tumoren u.a.) – in abgewandelter Weise gilt das für Krisen jeglicher Art - bedeuten immer einen tiefen Einschnitt ins Leben und ziehen in der Regel Konse­quenzen nach sich; wenn dies nicht ernst genom­men wird, pflegt sich der Körper zu „rächen“ durch eventuelle Verschlimmerung der ganzen Situation, durch Wiederaufleben der Krankheit (Rezidive), durch massive Störung der Psyche, der Beziehun­gen usw.
-  Ganz sicher geht es als erstes – nebenbei gesagt - um die passende Therapie, um eventuelle Reha-Maßnahmen, die mit den behandelnden Ärzten abzuklären sind.

Dann aber ganz sicher um ein gründliches Nach- und Umdenken, was die eigene Geschichte angeht: „Ursachenforschung“ nicht um ihrer selbst willen, sondern um unter Umständen etwas zu ändern, da es ja „so“ nicht weitergehen kann und soll. Sodann um die konkrete Frage: was ist zu ändern? Zuallererst wohl in der Lebensgestaltung (Tagesrhythmus, Essensgewohnheiten, Freizeitgestaltung, Beziehungssituation usw.), unter Umständen auch der Berufssituation (Pausieren, Reduzieren, Wechseln des Arbeitsplatzes, Aufhören, wenn wirtschaftlich möglich usw.). Dazu kommen sollten: Gespräche mit vertrauten Menschen, nicht weil diese eine Antwort hätten oder Ihnen etwas abnehmen könnten, sondern weil Sie eine Art „Spiegel“ brauchen, in dem Sie sich sehen und erleben, wie Sie wirklich sind, weil in „neutraler“, aber verlässlicher „Begleitung“ vieles leichter geht. 
-   Das alles läßt sich vom Verstand her wahrscheinlich einigermaßen leicht nachvollziehen; nur es geht um mehr: der eine oder andere Schritt muss konkret in Angriff genommen werden, wenn Sie die Signalbedeutung von schwerer Erkrankung ernst nehmen und sich klar machen: es geht um mich, um meine Zukunft und Gesundheit, um mein Wohlbefinden und das einiger mir wichtiger Men­schen um mich herum. Die Prioritäten in meinem Leben sind neu zu setzen. 

e  Schließlich noch das leidige Thema: Krankheit gesehen als Strafe, abgemildert als Prüfung:  denn diese Meinung ist im Denken vieler unausrottbar, nach wie vor.

­"Was habe ich denn getan, dass ich so leiden muss?" Diese Verbindung von Leid und Strafe ist so alt wie das Leid und der Mensch selbst.
-  Es muss einen Grund ("Schuldigen") für alles und jedes geben, der Gedanke: Krankheit ist Strafe für etwas, verbirgt sich dahinter, letztlich die Neigung, alles in moralischen Begriffen und ethi­schen Qualifizierungen einordnen zu müssen. um es so in den Griff zu bekommen.
-  Es gibt aber Ereignisse und Vorgänge, die einfach so sind, wie sie sind, für die es keinen „Schuldigen“ gibt, die "unverdient", „ungeschuldet“ sind - im Blick auf  Gesundheit leuchtet das sehr viel eher ein.
-  Eigentlich ist diese Frage Ausdruck der eigenen Not, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Krankheit wird erlebt als etwas, das weder in seiner Entstehung noch in seiner Bedeutung überschaubar und erklärbar ist, und das bedeutet oft schier unerträgliche Qual.
-  Aber was wäre, wüssten wir den Grund?  Würde dann alles anders oder gar leichter? Und ist es so unrichtig zu meinen, gar manche Krankheit haben doch ihre Ursache in uns, unserem Verhalten, in den Generationen vor uns? - es gäbe also eigene Anteile an dieser konkreten Krankheit, am Leid überhaupt und am Bösen in der Welt?  

Belassen wir es dabei! Ich schließe mit zwei Festestellungen:

 C   Leid, Schmerz, Kranksein,  Sterben und Tod sind für mich auf’s ganze gesehen eher eine Aufgabe und nicht einfach Schicksal.
Vielleicht sollten wir als Christen nicht so sehr "warum" fragen - alle diese Fragen wenden sich ja der Vergangenheit zu - , sondern uns das "wozu" aus dem Glauben heraus durch Kopf und Herz gehen lassen. Leben heißt doch Zukunft und von Hoffnung getragen, weist es uns in die Zukunft.

Und davon, von der Hoffnung der Christen, wollte ich und sollte ich doch reden.