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Der Tod – ein Teil des Lebens?

Fastenpredigt von Pfr Schmidt(evang.) am 24.02.2002 in St. Matthias

(Einleitender Text: Mt. 11,28)

 

Liebe Gemeinde

Herr Jemand war jung. Die Schule hatte er gerade abgeschlossen. Da hörte er zum ersten Mal diesen Satz: Der Tod sei ein Teil des Lebens. Dieser Satz beschäftigte ihn nicht sehr lange. Klar, den Tod bekommt man in jedem Krimi im Fernsehen zu sehen oder in den Tageszeitungen berichtet. Aber, was soll das Thema Tod mit mir zu tun haben? Ich bin gesund. Und wenn ich abends einschlafe, da bin ich sicher, dann wache ich morgens wieder auf. Die Gestaltung des Lebens, das ist mein Thema. Welchen Beruf wähle ich aus, welche Partnerschaft ergibt sich für mich? Wann kann ich von zu Hause ausziehen?

Dann starb seine Tante, die er mochte. Das machte ihn betroffen. Ja, jeder muss einmal sterben...
Er studierte mittlerweile an der Universität und versuchte möglichst schnell und effektiv seinen Studiengang abzuschließen. Er freute sich auf seine bevorstehenden Aufgaben und stellte sich vor, wie er in einer Firma mitarbeitete und darin seine Rolle spielte.
Mit seiner Freundin zog er in eine gemeinsame Wohnung. Das Thema Tod spielte bei ihm keine wichtige Rolle. Ganz im Gegenteil. Es ging um Leben und Leben gestalten, es ging darum die Zukunft zu planen.

Dann trat er ein ins Berufsleben, unser Herr Jemand. Es wurde von ihm einiges verlangt. Manchmal dachte er zurück, früher wollte er einmal Pilot werden. Aber er hatte sich anders entschieden. Das ging jetzt nicht mehr. Bei der Wahl seines Berufs hatte er gemerkt, dass die Entscheidung für seinen jetzigen Beruf erst einmal alles andere auch ausschloss. Er war jetzt auf seinem beruflichen Weg und konnte nicht einfach so irgendetwas anderes anfangen. Mit einem Kollegen hatte er es schwer. Warum der ihm nur so zusetzte. Aber was soll’s, irgendwie würde es mit dem schon auch weiter gehen. Trotzdem, manchmal schlief er schlecht.
Mit seiner Freundin war er immer noch zusammen. Sie war ihm eine richtige Lebenspartnerin geworden. Manchmal überlegten sie zu heiraten.
Dann hörte er in einem Vortrag, einen Satz, der ihn doch zum Nachdenken brachte. Da hatte einer gesagt, dass der Sinn des Lebens darin bestehe, das Sterben zu lernen.
Das Sterben lerne man durch jeden Abschied, den man von Dingen und Menschen zu nehmen habe.
Ob das stimmt? Jeden morgen, wenn er die Wohnung verlässt... Abschied und Sterben lernen?
Jeden Tag, wenn er von der Arbeit nach Hause geht... Abschied und Sterben lernen?
Jedes Mal, wenn er nach dem Besuch bei den Eltern aufbricht... Abschied und Sterben lernen?
Er erinnerte sich an ein relativ banales Lied: Abschied ist ein bisschen wie Sterben...
Der Tod und das Sterben beschäftigten ihn etwas länger, aber bald hatte ihn der Alltag wieder. Es beschäftigten ihn wieder mehr die Fragen, was ist los in der Welt? Wie hat Bayern gespielt? Welche Aufgaben musste er unbedingt heute noch zu ende bringen...

Dann starb sein Vater. Es ging alles zu schnell. Damit hatte in seiner Familie eigentlich keiner gerechnet. Er war traurig und eigentlich irgendwie auch enttäuscht. Er merkte wie sehr wichtig ihm auch immer sein Urteil gewesen war, bei dem, was er erreicht hatte. Seine nächste Beförderung stand bevor. Wie gern hätte er dies seinem Vater erzählt und dann dessen Lob gehört. Das fehlte ihm.
Wie er überhaupt noch lange darüber nachdachte. Sein Vater hatte sein Leben vollendet. Und Vollendung des Lebens, das bedeutet, da wird der letzte Punkt des Lebens mitgedacht. Ein Leben ist erst dann vollendet, wenn der Tod sozusagen als Schlusspunkt dabei ist. Ohne den Tod ist kein Leben vollendet. Nachdenklich brachte er es dann zusammen, dass der schnelle Tod zur Art und zum Leben seines Vaters irgendwie gepasst hatte und so wohl auch für alle gut war – gerade angesichts dessen wie es noch hätte weitergehen können.
Bei der Beerdigung hatte der Pfarrer von dem Satz eines Kirchenliedes gesprochen: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen – auch wenn wir vom Tod gar nichts wissen wollen. Unser Leben wird bestimmt von Stärke, von Leistungsfähigkeit und Einsatzfreude. Die Schatten des Todes, Krankheit und Leid werden ausgeblendet. Der Pfarrer forderte: Wir müssen viel stärker in unser Bewusstsein rufen, wie zerbrechlich das Leben ist, wie unverfügbar Kraft und Gesundheit sind, wie plötzlich und schnell der Tod mitten im Leben da sein kann. Dann sprach er von Jesus, der sehr nachdrücklich gezeigt habe, dass Menschsein im vollen Sinn nichts zu tun hat mit strahlender Vitalität. Er kam nicht als der Verbündete der Starken, Gesunden, Lebhaften. Er kam zu denen, die krank und nicht heil waren. Er kam zu denen, die an den Rand gedrückt wurden.
Jesus sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Jesus weiß
, so deutete es der Pfarrer, dass auch die, die sich gesund und keiner Heilung bedürftig ansehen, nicht heil sind. – Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen. Ab und zu, in bestimmten Momenten des Lebens wird einem das bewusst. Der Tod ist gar nicht so weit weg von uns Lebenden.
Jeder von uns hat Lasten zu tragen, sei es in seinem Beruf oder in der Familie. Lasten gehören einfach dazu. Sie machen das Leben nicht leichter, sondern mühsamer und beschwerlicher: Wir müssen diese Lasten tragen
, so der Pfarrer, oft genug gegen unseren Wille und wir sollen lernen mit diesen Lasten umzugehen.
Eine der härtesten Lasten sei der Tod eines Menschen, den wir sehr gern gemocht haben. Diese Last können wir am allerwenigsten abschütteln, weil wir sie uns nicht aussuchen können. Sie kommt auf jeden einmal zu. Der Schmerz des Abschiednehmens bleibt keinem erspart. Der Tod sei eine Last, die uns von Gott auferlegt wird. Es ist eine Last, die aufgenommen, angenommen und bewältigt werden will.
Gott will uns dabei helfen. Er legt uns Lasten auf, aber er hilft uns auch.
Der erlebte Tod sei eine Aufgabe für uns, gemeinsam die Trauer, den Schmerz und die Last der Trennung zu bewältigen.
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und belastet seid. Ich will euch erquicken. Er verheißt uns Frieden und Erquickung in seinem Reich. Im Vertrauen darauf dürften wir den Satz der Liedstrophe erweitern:
Herr Jemand war gespannt, was jetzt käme. Und der Pfarrer fuhr fort: Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen und auch mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. Wir haben einen Gott, der vom Tod errettet. Er erspart niemandem den Tod, aber er ist der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Ihm gehen wir entgegen. Wir gehen nicht in die Leere. Wir gehen auch nach dem Tod Erfahrungen des Lebens entgegen.

Herr Jemand fand sich durch diese Worte getröstet. Sein Vater geborgen bei Gott...
Was Herr Jemand plante und tat, gewann später mehr Tiefe.
Erst der Tod seines Vaters hatte dies bei ihm bewirkt.
Er interessierte sich mehr für das Sterben, redete mit Krankenschwestern und Ärzten. Und er erfuhr, dass man als Angehöriger es denen, die im Sterben liegen, leichter machen kann durch das eigene Verhalten.
Wenn man den anderen von dieser Welt gehen lassen kann, hörte er, dann ist das für den der im Sterben liegt eine Erleichterung.
Was ist Sterben? Sterben, das ist von allem Abschied zu nehmen: von den Menschen, die man liebt, von denen, mit denen man es schwer hat, von den Dingen und Sachen, die einem ans Herz gewachsen sind.
Er überlegte, woran er hing: Seine Lebenspartnerin, die mittlerweile ein Kind erwartete und von Heirat sprach, seine Stammtischrunde, seine Freunde, seine wirklich schöne Wohnung, für die er so viel gearbeitet hatte, sein Konzertabonnement, sein Posten im Verein, bestimmte Prinzipien, nach denen er immer gehandelt hatte... Ach, da war so viel, was ihm in diesem Leben lebenswichtig war. Ob er das alles einfach so lassen könnte?
Sterben ist mehr als Abschied nehmen, vielleicht auch endgültig von diesem und jenem, Sterben heißt Abschied nehmen von allem. Es heißt, die ganze Welt hinter sich zu lassen.

Dann kam ihm wieder dieser Satz, den er vor Zeiten gehört hatte: Der Sinn des Lebens ist, das Sterben zu lernen, zu lernen, dass man einmal alles hinter sich lassen kann.
Als seine Mutter starb, konnte er ihr ein guter Begleiter sein.
Und auch sonst in der Familie und im Beruf konnte er manche Dinge so lassen wie sie waren und einfach akzeptieren.
Herr Jemand erfuhr in seinem Leben dann auch dies, als er einmal in eine Situation kam, in der er nicht mehr weiter wusste, dass am nächsten Morgen über ihm wieder die Sonne aufging.
Sein Glaube war gewachsen und er hoffte, dass Gott ihn bereits in diesem Leben aus den gerade erlebten Todesmächten herausführte. Es waren schwere Zeiten. Aber er kam hindurch und ihn begleitete der Gedanke, dass Gott immer noch einen Weg für seine Menschen weiß, wo für sie schon alles zu ende scheint.
Amen.

Der Friede Gottes begleite euch. Er gebe euch einen wachen Verstand und ein offenes Herz für Jesus Christus. AMEN.