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Auferstehung - Können wir heute noch daran glauben?

Fastenpredigt von Abt Gregor Zasche OSB am 3. März 2002 in St. Matthias




Das Thema des heutigen Abends verlangt, so wie es formuliert ist, daß wir uns zunächst einmal der Sachfrage stellen, ruft also nicht unmittelbar zu Einkehr und Besinnung, wie man es für eine Fastenpredigt erwarten könnte, sondern zunächst zu Gedankenarbeit. Vielleicht könnten wir diese Gedankenarbeit als das uns auferlegte Fastenopfer erbringen. Das Thema stellt die Sachfrage als eine Aufgabe der Selbstvergewisserung. Kann ein heutiger Christ mit gesundem Menschverstand und auch sonst halbwegs bei Trost mit guten d.h. auch für andere nachvollziehbaren Gründen der Meinung sein, das Christus wirklich auferstanden ist   damals, am Ostersonntag vor rund zweitausend Jahren? Oder macht er sich lächerlich, wenn er so etwas immer noch weiterverbreitet?

Wenn man am Thema ein einziges Wort ändert und es so fasst: „Auferstehung - Müssen wir heute noch daran glauben?" dann ändert sich die Perspektive und aus der Selbstvergewisserung wird ein Rückzug. Dann fragen wir nämlich: Läßt sich die christliche Botschaft nicht auch ohne Auferstehung verkünden? Was ändert sich an der Lehre Christi, wenn wir diesen Glaubenssatz weg lassen? Alles - oder nichts, nichts Wesentliches jedenfalls? Es gibt tatsächlich Fachleute, Theologieprofessoren, die dazu auffordern die Auferstehung aus dem Glaubensbekenntnis zu streichen. Jüngst etwa Gerd Lüdemann in seinem Buch: Der große Betrug. Er schreibt dort in einem fiktiven Brief an Jesus: „Aber Deine Wiederkunft fällt aus, da Deine Auferstehung gar nicht stattfand, sondern nur ein frommer Wunsch war...Gewiss, Deine Anhänger haben den Glauben an die Auferstehung und Deine Wiederkunft gebraucht, um nach dem Schock von Karfreitag nicht zu verzweifeln, aber heute ? Noch immer...klammern sich die Christen an Deine Auferstehung, wobei viele längst die ursprüngliche Bedeutung von Auferstehung hinter sich gelassen haben." Wir werden dieser letzten Behauptung nachzugehen haben. Aber zunächst soll noch jemand zu Wort kommen, der dieser Zumutung vehement widerspricht, der Apostel Paulus in seiner klassischen Würdigung des Auferweckungsglaubens in 1Kor 15: „ Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unsere Verkündigung sinnlos und euer Glaube sinnlos... und wir sind erbärmlicher daran als alle anderen Menschen ". Für Paulus ist klar: was uns der Lächerlichkeit preisgeben würde, auch heute, ist nicht das Festhalten an der Auferstehung, sondern ihr Weglassen aus der Verkündigung. Vor kurzen stieß ich auf ein Wort des französischen Schriftstellers Léon Bloy, das in seiner Deutlichkeit dem paulinischen Bekenntnis als moderne Stimme an die Seite gestellt werden kann. Er sagt: Die einzige Entschuldigung Gottes für unsere Welt ist die Auferstehung. Vom Apostel Paulus angespornt, wollen wir uns also an die Arbeit machen, in zeitgemäßen Worten für Zeitgenossen zu erklären, was wir meinen, wenn wir von Auferstehung reden. Und weil wir zeitgemäß erklären wollen, empfiehlt es sich im Vorfeld einmal feststellen, was in den Köpfen der Zeitgenossen vor sich geht, was für Deutemuster sie benützen für die Wirklichkeit, in der sie leben, uns also das gängige Weltbild vergegenwärtigen. Im ganzen sollen sich unsere Überlegungen deshalb in drei Schritten vollziehen:
1. die Verträglichkeit der Auferweckungsvorstellung mit dem heute vorherrschenden Weltbild;
2.
die Auferweckung als Ereignis - was ist damals passiert?
3. die Bedeutung der Auferstehung für die Menschen - was bringt uns das, was damals passiert ist?

1. Eine Grundüberzeugung vieler Menschen unserer wissenschaftlich-aufgeklärten Zeit heißt sicher: Wunder gibt es nicht! Selbst wenn es Gott geben sollte, selbst wenn dieser Gott ein personhafter Gott sein sollte, der die Menschen liebt und aus Liebe erschaffen hat, eingreifen in das irdische Kausalgeschehen kann er nicht und wird er nicht. Damit ist Auferweckung als eine Tat Gottes, die ins irdische Geschehen hereinreicht und mindestens auf Erden beginnt, indiskutabel, ein Ungedanke. Sie kann nur ein Märchen, ein Mythos, ein Sinnbild sein. Aber dieses physikalische Tabu teilen nicht alle Zeitgenossen. So glauben z.B. 50% aller Deutschen, daß es Außerirdische gibt, die geheimnisvoll erscheinen und verschwinden und sich nicht an den Energieerhaltungssatz halten. Ständig wird in den Medien jemand in eine andere Existenzweise gebeamt, es gibt Untote die auf Erden herumgeistern, es gibt Wiedergänger, die fremde Körper aufsuchen, es gibt Totenbeschwörungen und Satanskulte, Supermänner, die wahre Auferstehunskünstler sind und es gibt natürlich auch den Glauben an die Wiedergeburt. Diese Filmwelt übertragen viele ins wirkliche Leben und so ist für viele Zeitgenossen der „übernatürliche Grenzverkehr“ das Natürlichste auf der Welt. Für diese letzte Sorte Menschen ist so etwas wie Auferstehung dann durchaus möglich, aber die christliche Vorstellung ist ihnen eher zu brav und normal, um sich mit ihr zu befassen. Es fehlt ihr sozusagen der Kick! Mit dieser unübersichtlichen Gemengelage von auch widersprüchlichen Vorverständnissen in den Köpfen der Zeitgenossen muß der Christ rechnen, wenn er Vernunftgründe für seinen Auferstehungsglauben vorbringen will. Die Möglichkeit, missverstanden zu werden, wird dadurch nicht geringer.

2. Versuchen wir trotzdem, zu klären was das Auferweckungsereignis für uns Christen beinhaltet! Zunächst einmal negativ - was nicht damit gemeint ist. Eine erste Feststellung ist unerlässlich: Das Ereignis selbst ist für uns nicht aktenkundig, war es nie. Es gab keinen Beobachter, der dabei war, „als der Herr erstand“; keine Kamera lieferte Videoaufnahmen des Auferstehenden in flagranti. Was uns greifbar wird, sind sogenannte Erscheinungen, in denen der Auferstandene sich nachträglich kundtut. Auch von diesen Erscheinungen gibt es nur Zeugenberichte, kaum Sachbeweismittel; allerhöchstens den Bericht vom leeren Grab. Die Zeugenberichte stammen übrigens alle von Anhängern Jesu, von Jüngern, sind also im Zweifelsfall keine neutralen Zeugenaussagen, sondern befangen. Dennoch lässt sich den Berichten mit einiger Sicherheit eine Reihe von brauchbaren Indizien entnehmen. Dazu gehört einmal, daß Jesus zwar offenbar nicht einfach ins irdische Leben zurückkehrte und weiterlebte, durch die Straßen Jerusalems spazierte wie zuvor, so etwa wie Lazarus in seine Familie zurückkehrte. Er erschien und verschwand. Auf der anderen Seite müssen die Erlebnisse der Jünger aber mehr gewesen sein als rein innere Visionen, ekstatische Zustände, Halluzinationen, wie sie auch durch Drogen künstlich hervorgerufen werden. Solche Zustände unterbrechen die Normalwahrnehmung. Die Jünger aber waren beisammen, im Normalbewusstseinszustand, sie hatten Angst, sie waren misstrauisch und sie wurden vom Auftauchen Jesu völlig überrascht. Es war nicht der Wunsch der Jünger, der den Herrn herbeibrachte und hervor-rief, wie bei einer Spiritistischen Sitzung. Und Apostel Thomas brauchte eine „Sonder-Vorstellung“ des Herrn, weil er den Erzählungen der anderen trotz der Zeugnisübereinstimmung nicht glaubte. Außerdem konnten die Jünger den Herrn vor ihren Augen sehen, mit ihm reden im gemeinsamen Rundgespräch, ihn berühren, ihm zu essen anbieten. Die Begegnung war, so wie sie beschrieben wird, mit einer deutlichen äußeren Wahrnehmung verbunden. Der Schrifttext nennt diese Art Erscheinung: „der Herr gab sich zu sehen, er ließ sich sehen“ . Er bestimmt die Begegnung, nicht die Einbildungskraft der Jünger. Der Auferstandene bezeugt sich selbst. Es gibt eine offizielle Zeugenliste von damals noch lebenden Zeugen. Zu diesen Beschreibungen des Auftretens des Auferstandenen kommt ein willkommenes Indiz gegen den Verdacht hinzu, daß die Jünger die Erscheinungsberichte schlicht und einfach erfunden hätten, um ein wohldurchdachtes Betrugsunternehmen glaubhafter zu machen: die Behauptung des leeren Grabes. Diese Behauptung hätte sich in Jerusalem, am Ort der Hinrichtung, unter den Augen der Justiz und der Polizei, vor der Nase der Hohenpriester keinen Tag lang gehalten, wenn das Fehlen des Leichnams nicht eine für alle unbestreitbare Tatsache gewesen wäre. Die Gegner haben sicher Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den Leichnam herbeizuschaffen. Das Schweigen der Grabwächter könnte nicht beredter sein.
Und noch etwas spricht für die Echtheit der Erscheinungen. Ohne sie lässt sich kaum erklären, daß die Jüngern so schnell und so nachdrücklich begonnen hätten, die Botschaft Jesu wieder zu verkündigen. Ohne das Dazwischenkommen des lebenden Herrn und seinen ausdrücklichen Sendungsauftrag hätten sie sich aller Lebenserfahrung nach nie so schnell aus dem Schock erholt, in die sein Tod sie stürzte. Irgend etwas muß geschehen sein, um sie aus der Depression herauszuholen und sie mit solcher Begeisterung und Elan zu erfüllen, daß sie, allen Gefahren zum Trotz regelrecht „ausschwärmten“ um das Kommen des Gottesreiches und die Auferweckungserscheinungen zu verkünden. Dieses Verhalten der Jünger nach der Hinrichtung Jesu lässt sich psychologisch nur mühsam durch Eigeninitiative der Jünger erklären. Ohne die Begegnung mit Jesus wären z.B. die Jünger von Emmaus schön zu Hause geblieben!
Für alle nun aufgezählten Geschehnisse haben wir nur Indizien, aber immerhin gute Indizien. Und oft im Leben müssen wir uns mit guten Indizien begnügen, auch bei lebensentscheidenden Schritten. Man nennt solches Indizienwissen ein „weiches Wissen“, im Gegensatz zum „harten Wissen“, das naturwissenschaftliche Experimente liefern, (das aber übrigens auch nicht hundertprozentige Sicherheit bietet). Aber durch die Häufung von weichen Indizien entsteht ein Wahrscheinlichkeitsgrad, der dem gesunden Menschenverstand im realen Leben oft zu einer Vergewisserung genügt. Denken sie an die Indizienbeweise in der Rechtsprechung! Überlegen sie, wie sie sich vergewissert haben, daß ihr Partner sie liebt und es mit seinem Versprechen ernst meint! Wie überzeugen sich Kinder von der Liebe ihrer Eltern? Wie können wir beweisen, daß es tatsächlich echte Liebe gibt und nicht nur Fortpflanzungsinstinkte. Wie können wir nachweisen, daß die Menschen frei handeln und deshalb im Gewissen verantwortlich sind für ihr Tun? All diese lebensentscheidenden Auskünfte können wir meist nur mit weichem Wissen erhärten. Aber weil es so ist, deshalb kann auch die Beweislage bei den Auferweckungszeugnissen genügen, damit ein Christ sagen kann, er habe gute Gründe, an die Auferweckung Jesu zu glauben.

3. Damit können wir übergehen zu der Überlegung, was das Auferweckungsereignis Jesu, was die Osterbotschaft für uns heute im Lebensalltag bedeutet. Hat sich etwas geändert seit jenem Ostersonntag Morgen, für uns geändert? Ist die Welt anders geworden? Dem äußeren Eindruck nach zu schließen, eher nicht. Beides, das Fressen und Gefressenwerden wie das Lieben und Geliebtwerden geht weiter wie zu vor, ein einer je wechselnden Mischung des „Stirb und werde!“, und den Christen wird das Sterben so wenig erspart, wie den anderen
Menschen auch.
Aber Gottes Handeln geschieht bis zum Jüngsten Gericht im Verborgenen, beginnt klein, als „Senfkorn“. Und solche Senfkörner hat die Auferweckung gesät, zunächst unsichtbar, in unser Bewusstsein, in unser Herz, damit wir es dann umsetzen in Tun, in kleinen Schritten die die Welt verwandeln.
Da ist ein erstes Senfkorn: Nach der Auferweckung Jesu ist der Glaube an die eigene Auferweckung leichter geworden, die Hoffnung ist konkreter, die, Sicherheit auf dem richtigen Weg zu sein und nicht einer zwar tiefen, aber unbegründeten, letztlich infantilen Sehnsucht auf ein Weiterleben nach dem Tod nachzulaufen, ist stärker. Das gibt innere Freiheit und Gelassenheit als Lebensgefühl.

Ein zweites Senfkorn: Mit der Auferweckung hat Gott bestätigt, was Jesus zu Lebzeiten über Gott und die Welt und den Menschen gesagt hat. Und wenn Jesus Recht hatte, dann gilt folgendes, und das ist die Zentralaussage des Neuen Testamentes: Die Liebe ist stärker als der Tod und Gott ist größer als unser Herz. Wir fühlen uns in unseren Ahnungen bestätigt. Daß der Tod die Liebe eines sterblichen Menschen endgültig auslöschen sollte, ist im letzten eine Beleidigung, eine Entwürdigung Gottes selbst, die er nicht zulassen kann, denn er ist Liebe in Person. Und deshalb wird Gott selbst dafür sorgen, daß unsere angefangene Liebe ausreifen kann, zu ihrer vollendeten Gestalt findet. Und unser unstillbarer Wunsch nach Glück, Gerechtigkeit, Freiheit und dem großen Frieden zwischen den Menschen wird sich nicht in nichts auflösen. Keine Träne wird vergebens geweint sein.

Ein drittes Senfkorn: die Gewißheit der eigenen Auferstehung befreit uns von der lähmenden Angst vor dem eigenen Tod. Sie erspart uns den Tod nicht, aber sie nimmt der Angst vor ihm, den Stachel. Wir können sozusagen trotz Zähneklapperns das Lachen üben, wir können uns der Freude im Leben hingeben, ohne daß sie uns ständig im Hals stecken bleibt, wir können viele kleine Auferstehungen im irdischen Alltag entdecken und feiern, weil wir wissen, daß
sie echte Vorwegnahmen sind.

Und woher nehmen wir die Kraft, das alles in die Tat umzusetzen? Diese Kraft ist das vierte Senfkorn. Diese Kraft ist nicht die unsere, sie liegt aber für uns bereit. Auch sie ist eine Folge der Auferweckung Christi. Der Auferstandene hat den Hl. Geist gesandt, hat die Kraft des Geistes „über uns ausgossen“. Diese Kraft des Geistes, die die treibende Kraft des Auferweckungsgeschehens war, sie kann ungeahnte Kräfte in uns frei setzen. Aber wir lassen uns nur zaghaft auf sie ein. Sie schlummert in uns und wir wecken sie nicht, sie liegt in Reichweite und wir greifen nicht zu. Warum? Weil wir aufgrund unseres Weltbildes meinen, diese unsichtbare, nicht meßbare Kraftquelle müsse Einbildung sein. Viele Christen aber bezeugen die Kraft des Geistes in ihrem Leben. Lassen wir uns auf das Angebot ein: zunächst vielleicht nur in kleinen Schlückchen, aber dann immer mehr. - Das Reich Gottes hat schon begonnen, heißt es. Die Gabe des Geistes ist dieser Anfang. Wenn ihr euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten, sagt das Evangelium. Lassen Sie mich unsere Überlegungen schließen mit dem Zeugnis von Roger Schutz, dem Prior von Taizé: In jedem Menschen liegt eine geistliche Kraft, die nicht von ihm stammt. Er kann sie ablehnen, sogar verwerfen - sie ist immer da. Sie entschwindet nie. Sie ist die Leidenschaft einer Erwartung. Sie ist eine Quelle des Vertrauens, eingesenkt vom Geist eines lebendigen Gottes. Daraus entspringt alles. Wäre das Vertrauen des Herzens aller Dinge Anfang ...ginge es je dem kleinen oder großen Unterfangen voraus, du kämst weit, sehr weit.