Das Archiv



 

Ewiges Leben – Ein frommes Märchen?

Fastenpredigt von Regens Dr. Franz Joseph Baur am 10. März 2002 in St. Matthias




Wie hoch ist die Lebenserwartung bei uns heutzutage? Ist sie in den letzten Jahrzehnten gestiegen oder gesunken? Gestiegen, sicher gestiegen, werden Sie sagen. So? Wirklich? Früher war die Lebenserwartung an die 70 Jahre plus die liebe lange Ewigkeit, heute sind es gerade mal 80 Jahre. Was ist nun die höhere Lebenserwartung? …

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Bonmot stammt vom Wiener Theologen Paul Michael Zulehner, der damit ein Schlaglicht auf die heutige Mentalität werfen und erklären will, warum die heutige Erlebnisgesellschaft so rastlos hinter allen Events her ist und nichts auslassen will: Man hat ja nur die kurzen 80 Jahre, um etwas zu erleben. Früher konnte man manches gelas­sener ertragen und geruhsamer abwarten und auf die Ewigkeit vertagen. Ich habe mit diesem Bonmot angefangen, um auf das Thema der heutigen Fastenpredigt hinzulenken: Ewiges Leben. Wenn ich zu Ihnen über das Ewige Leben spreche, dann will ich Ihnen kein Märchen über etwas, was nach dem Tod sein wird, erzählen und auch keine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellen oder Phantasieübung über das, was nach dem Tod kommt. Ich will mit Ihnen dieses unser Leben bedenken, unsere Einstellung zum Leben, was wir wollen vom Leben, was wir erwarten vom Leben, unsere Lebenserwartung. Und natürlich, von wem etwas erwarten für unser Leben. Damit sind wir auf dem Feld, wo es gilt, eine Position einzunehmen.

Also, wie ist es mit Ihrer Lebenserwartung, liebe Schwestern und Brüder? Natürlich ist die erwartbare Lebensspanne gestiegen in den letzten Jahrzehnten. Aber Menschen, die alt geworden sind, gab es schon immer. Und Unfälle und heimtückische Krankheiten, die einen jung dahin­raffen, gibt es auch heute. Diese Art von Lebenserwartung ist also für einen persönlich, der man es ja doch nicht wissen kann, ziemlich unerheblich. Aber dieses andere, ob das ganze Lebens­gefühl, die ganze Lebenseinstellung mit einem offenen Ende, mit einem auf die Ewigkeit hin offenen Ende rechnet, oder mit einem knappen Zeitraum, den man ausnützen muß, bevor er zu Ende ist, das macht durchaus einen Unterschied. Wie kommt das eigentlich, daß sich die Lebens­erwartung der meisten unserer Mitmenschen auf die hiesigen 80 Jahre beschränkt? Warum ist die Ewigkeit ausgeblendet? Warum hat sie so an Plausibilität verloren?

Die Antwort ist ein erster wichtiger Gesichtspunkt. In der letzten Generation hat sich eine große Wende im Zeiterleben der Menschen ereignet. Früher war das Menschenleben kürzer als die übrigen Dinge, heute ist es länger. Früher haben die meisten Dinge in der Welt mein kurzes vergängliches Leben überdauert, heute ändern sich die Dinge schneller und ich überdauere sie mit meinem Leben. Früher konnte man sich bemühen, sich einzuklinken in die zeitbeständi­gen dauerhaften Dinge, Anteil zu gewinnen an ihnen und so Anteil an ihrer Dauer zu gewinnen, Dauer über den eigenen Tod hinaus. Heute ist nichts mehr so dauerhaft, daß ich mich daran festhalten könnte. Hier sind ein paar Beispiele nötig, damit ich mich verständlich mache.

Maßstab ist immer das Menschenleben. Jetzt setzen wir ein paar wichtige Rahmen­bedingungen des Lebens in Bezug dazu. Das politische System. Früher regierte ein Herrscher­geschlecht über Jahrhunderte. Der bayerische König Ludwig I. ließ auf dem Stammsitz seiner Familie, auf der Burg Oberwittelsbach, eine Gedenksäule errichten mit der Aufschrift: „Dem 1200-jährigen Herrschergeschlecht“. Und wenn ein König starb, trat der Erbe an seine Stelle. „Le roi est mort, vive le roi.“ Die politische Ordnung überdauerte bei weitem das einzelne Menschenleben. Jetzt überlegen Sie einmal, wie oft Sie es schon erlebt haben, daß die politische Ordnung wechselt, wie oft eine andere Partei an die Regierung gekommen ist oder wie im Gene­rationswechsel auch die Parteien selbst sich ändern.

Zweites Beispiel: Früher überdauerten die Berufe das einzelne Menschenleben. Man war ein ganzes Leben lang Bäcker und zuvor war es schon der Vater und danach war es dann der Sohn. Heute entstehen und vergehen Berufe innerhalb einer Lebenszeit. Lesen Sie einmal die Stellenanzeigen in der Zeitung. Da sind doch Berufe dabei, die vor zwanzig Jahren noch keiner gekannt hat. Und selbst der klassische Bäckerberuf: Wie oft muß ein Bäcker heute sich auf neue Produkte einstellen und Schulungen besuchen, um mit den neuen Maschinen oder den neuen Geschäftsideen umzugehen! Das Brotbacken ist das wenigste in einer heutigen Bäckerei.

Drittes Beispiel: Die Ansichten über gut und böse waren doch etwas, was der einzelnen von den Älteren, den Lehrern, den Eltern übernommen und dann wieder an die jüngere Genera­tion weitergegeben hat. So waren Werte, Einstellungen und Wahrheiten etwas, was das einzelne Menschenleben überdauert hat. Und schauen Sie heute das Thema Atomkraft an, unabhängig von dem was Sie persönlich dazu meinen. Auf die gesamte Gesellschaft gesehen fanden sie doch erst alle gut und begrüßenswert und man hat Kraftwerke gebaut, wo es nur ging. Dann hat sich die Einstellung sehr vieler gewandelt, man lehnt sie ab und baut keine mehr. Und inzwischen hat die ganze Frage ihre Brisanz für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland ohnehin weitgehend verloren und man debattiert über Gentechnik und Kommunikationstechnik.

Und als letztes Beispiel: Das Wetter. Ständig wechselt Sonnenschein, Regen, mal ein käl­terer, mal ein wärmerer Winter, mal ein Unwetter mit größeren Schäden. Nun, früher war das ein Wechsel, mit dem man leben konnte. Es gab wohl einmalige Vorfälle, vielleicht den kältesten Winter seit Menschengedenken. Aber das Wetter mit all seiner Abwechslung überdauerte doch das Leben des einzelnen. Heute dagegen haben wir ein nachdrückliches Bewußtsein davon, daß sich das Wetter ändert. Innerhalb einer Generation. Wenn wir innerhalb unserer Generation den Kohlendioxidausstoß nicht in den Griff bekommen, dann wird die Klimaerwärmung zur unausweichlichen Katastrophe. Die dramatische Veränderung vollzieht sich innerhalb unserer Lebenszeit.

Genug der Beispiele. Ich glaube, es ist klar geworden, daß das Menschenleben im Hin­blick auf die wesentlichen Umstände in der Welt, im Hinblick auf die elementaren Umstände des Lebens früher kurz und vergänglich war und heute lang geworden ist. Und soviel es früher Dinge gab, die im Vergleich zu uns selbst dauerhaft, stabil, zeitbeständig, überzeitlich waren, so viele Hinweise auf die Ewigkeit gab es. Rund um einen herum tausend und abertausend Beweise, daß nur der Mensch schwach und hinfällig ist, aber die Natur, die Ordnung, die Gesetze des Lebens von Dauer. Das körperliche Dasein war kurz, aber wenn sich der Mensch in die Ordnung des Überzeitlichen fügte, dann konnte er auf Dauer hoffen, womöglich auf ewige Dauer.

Heute gibt es nichts, was Dauer verspricht. Woran halten, während meine Lebenszeit ab­läuft? Nichts, woran ich mich halte, bleibt. Da bleibe ich selbst schon länger als alles das. Und wenn ich nicht mehr bin, dann ist nichts mehr.

Auf diese Weise ist die Plausibilitätsgrundlage für das Ewige Leben weggefallen. Wir haben keinen Anhaltspunkt mehr, von dem aus wir auf einen unvergänglichen Bestand von irgendetwas, etwa gar uns selbst schließen können. Und zunächst einmal bin ich darüber gar nicht traurig. Denn jetzt hat vielleicht die ur-christliche Predigt wieder eine Chance, zu ihrem Recht zu kommen. Der Glaube hat doch schon immer gesagt: Die ganze Welt ist vergänglich. Verlaßt euch nicht auf das Vergängliche, nicht auf eure Herkunft, nicht auf euren sozialen Rang, nicht auf eure erworbenen Reichtümer, nicht auf eure eingebildeten Kenntnisse, nicht auf die Natur. Das ist alles zeitlich. Himmel und Erde müssen vergehen. Richter euer Herz auf den Ewigen und auf sein Wort. Allerdings sehe ich nicht, daß diese Predigt heute den Widerhall findet, den sie verdient. Das eine fromme Märchen, das Märchen von der Unvergänglichkeit, vom Weiterbestand, von der ewigen Fortdauer ist zwar uninteressant geworden. Das heißt aber nicht, daß nicht andere fromme Märchen an seine Stelle treten können. Das ist zwar richtig, aber zu­gleich sehe ich, daß diese christliche Predigt nicht den Widerhall findet, den man eigentlich er­warten könnte. Die Plausibiliät des Ewigen Lebens als Überwindung der Vergänglichkeit hin auf Dauer ist weggefallen. Aber das heißt nicht, daß nicht andere fromme Märchen an die Stelle des­sen getreten wären. Die Leute haben Angst davor, daß alles aus ist. Vor diesem Gedanken schreckt man zurück. Nun wird das Eingehen in den Bereich des über alle Zeiten hin Dauernden nicht mehr für möglich gehalten. Aber es bleibt noch ein anderer Ausweg, nämlich daß es so weitergeht, wie bisher, daß es einfach so weitergeht – das ist sehr plausibel – und daß man selbst daran vielleicht doch noch Anteil hat und mit von der Partie ist. An den Möglichkeiten, die sich da vielleicht auftun, daran hat man großes Interesse. Da liest man etwas, da glaubt man, was man liest. Dem geht man gerne nach.

Ich will Ihnen zwei von diesen frommen Märchen, die man heute gerne glaubt, vor Augen führen. Das erste ist die Reinkarnation. Die Lebenserwartung ist, daß nur ein knapper Zeitrahmen da ist, den einer möglichst gut nützt, um alles mitzunehmen und alles auszuprobieren, was möglich ist. Nun kann man aber in den 80 Jahren gar nicht alle Möglichkeiten eines menschlichen Lebens durchspielen. Viele schließen sich gegenseitig aus, etwa daß man nur entweder als Mann oder als Frau leben kann (obwohl das ja heute auch nicht mehr unbedingt gilt). Für viele hat man einfach keine Zeit. Man empfindet es als ungerecht, abtreten zu müssen, solange man noch nicht die Fülle des Lebens, wohlgemerkt nicht des ewigen Lebens, sondern des abwechslungsreichen, vergänglichen, zeitlichen Lebens ausgeschöpft hat. Dann malt man sich gern aus, daß es weitergeht mit noch einmal und noch einmal und noch einmal einem zeitlichen Leben.

Das zweite fromme Märchen ist ebenfalls die Verlängerung einer bestimmten Einstellung zum Leben, einer bestimmten Lebenserwartung. Sie knüpft an die wissenschaftliche und techni­sche Entwicklung unserer heutigen Kultur an. Das menschliche Leben besteht aus einer Reihe von geistigen Zuständen, von Bewußtseinsinhalten gefühlsmäßiger und wissensartiger Natur. Ein bestimmtes stabiles Muster ist das Bewußtsein vom eigenen Ich. Dieses Ich und dieses Bewußt­sein braucht als materiellen Unterbau das Gehirn und überhaupt den menschlichen Körper. Nun geht aber die technische Entwicklung in die Richtung, daß man zur Speicherung und Verarbei­tung von Daten, Informationen, also immateriell-geistigen Dingen immer weniger grobe Materie braucht. Mose brauchte noch zwei Steintafeln, also ein paar Kilo Materie, um 10 Gebote darauf festzuhalten. Heute können wir mit ein paar Gramm Silicium und Kupfer usw. eine ganze Bibliothek an Informationen speichern. Warum sollte es nicht einmal möglich sein, das komplette Gedächtnis eines Menschen und das komplette Programm seiner geistigen Fähigkeiten, alles, was er zu seinem Ichbewußtsein braucht, auf ein anderes materielles Medium als das Gehirn zu über­tragen. Dann hat dieser Mensch die Unsterblichkeit erlangt. So oder so ähnlich ist der Gedanken­gang der „Physik der Unsterblichkeit“, mit der der amerikanische Autor Frank Tipler vor ein paar Jahren bekannt geworden ist (Frank J. Tipler, Die Physik der Unsterblichkeit, 1994).

Fromme Märchen sind das, behaupte ich, blanke Spekulationen, in denen irgendeine Zukunft ausgemalt wird, wie es denn sein könnte nach dem Tod. Und geglaubt wird das von „frommen“ (in Anführungszeichen frommen), von leichtgläubigen und gutgläubigen Leuten, die es nicht ertragen wollen, daß es einfach aus ist mit dem Tod.

Damit habe ich natürlich den Mund ordentlich voll genommen. Wir könnten uns jetzt darüber unterhalten, ob nicht doch etwas dran ist an diesen Vorstellungen, ob es wirklich nur fromme Märchen sind. Vielleicht müßte ich etwas davon relativieren und abschwächen. Aber ich könnte mir denken, daß es für Sie auch interessant ist, in eine andere Richtung weiter zu gehen. Sie wissen ja auch, daß ich als Priester hier vor Ihnen stehe und daß ich das Evangelium zu ver­künden habe. Da denken Sie womöglich: Na, wenn er den Mund so voll nimmt und die Reinkar­nation und die Physik der Unsterblichkeit als frommes Märchen abtut, dann möchte ich wissen, was da noch vom Evangelium übrig bleibt. Das ist ja dann erst recht ein frommes Märchen. Da möchte ich sehen, wie er herauskommt. Also, packen wir es an!

Ist etwa der christliche Glaube an das Ewige Leben auch nur ein frommes Märchen? Ist das Evangelium auch nur ein frommes Märchen? Im Evangelium werden ab und zu fromme Märchen erzählt, aber das Evangelium ist kein frommes Märchen Sie kennen das eine fromme Märchen gut, das Jesus erzählt, die Geschichte vom armen Lazarus und vom reichen Prasser. (Lk 16,19-31). Aber jeder Hörer merkte damals und merkt heute sehr gut, daß Jesus bewußt diese Geschichte als frommes Märchen erzählt. Die Geschichte spielt im Jenseits, wo Lazarus im Schoß Abrahams sitzt. Der Schoß Abrahams kommt sonst im Evangelium überhaupt nicht vor. Die Geschichte braucht den Schoß Abrahams als Kulisse, aber sie sagt nichts über das Jenseits oder über das ewige Leben. Sondern was sagt die Geschichte? Sie sagt: Überlege dir gut, wie du hier und jetzt lebst, ob du den armen Schlucker mitkommen läßt oder ob du alle Genüsse für dich haben willst. Dazu hast du Mose und die Propheten, aber die Chance, daß einer von den Toten zurückkommt und es dir sagt, wie es nach dem Tod ist, die hast du nicht. Die würde dir auch nichts nützen. Es ist eine Sache der Einstellung zum Leben – und selbstverständlich zu Gott – und nicht eine Sache des Bescheidwissens, was danach kommt. „Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. – Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. – Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (Lk 16,31).

Ich gebe zu, daß im Laufe der Kirchengeschichte den Leuten viele fromme Märchen erzählt worden sind, oft nicht bewußt als Märchen, sondern als Realität. Das ist dann ein Fehler. Märchen erzählen darf man. Das tun alle Eltern. Aber sie wollen ihren Kindern nicht weis­machen, daß das alles so ist oder so gewesen ist. Und die Kinder schätzen Märchen, auch wenn sie genau wissen, daß es nicht so gewesen ist. Wir können dem Evangelium gern zugestehen, daß es hier und da auch zum Mittel des Märchens greift. Aber jetzt wollen wir auch noch wissen, wie es denn nun ist, wirklich ist.

Nun, wir werden sterben. Das menschliche Leben geht auf ein Ende zu, auf den Tod. Alles Irdische vergeht, mit allem Irdischen, mit allem Geschaffenen vergeht auch der Mensch. Wir sind sterblich, einmal wird es aus sein mit uns. Das ist der einzige Anhaltspunkt in der Realität, den wir haben. Und nun gibt es zwei Möglichkeiten, zwei verschiedene Einstellungen. „Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1 Kor 15,32). Paulus kennt solche Leute, er sagt: „Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch.“ (Phil 3,19). Sie „dienen nicht Christus, unserem Herrn, sondern ihrem Bauch.“ (Röm 16,18). Das ist also die Alternative in der Lebenseinstellung: Christus dienen oder dem Bauch dienen. Essen und trinken, weil es ohnehin zu Ende geht, oder Gott die Ehre geben. Auch dann geht es zu Ende, aber immerhin spielt dann Gott noch eine gewisse Rolle. Und was das bedeutet, müssen wir gleich noch sehen. Wir kommen also langsam auf den Gesichtspunkt, daß wir mit der Wirk­lichkeit Gottes rechnen. Wenn nun Gott Gott ist, ist die Wirklichkeit Gottes sicher etwas, was eine Wirklichkeit über den Tod hinaus ist. Aber das können und müssen wir vorläufig noch einmal offen lassen. Gott ist zunächst einmal eine Wirklichkeit über unser Leben hinaus, nämlich größer, bedeutender als unser Leben. Dann muß er auch bestimmend sein für dieses unser irdisches Leben. Wie wir uns gegenüber der möglichen Wirklichkeit Gottes für dieses unser Leben einstellen, das müssen wir hier und jetzt entscheiden.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich möchte Ihnen nicht ein frommes Märchen über Gott erzählen. Klopfen Sie mir auf die Finger, wenn ich irgendetwas ausmale, wie es drüben über der Schwelle des Todes ausschauen könnte, und Gott dafür als Autorität einspanne und als Hilfs­mittel nehme, um meine oder irgendeines anderen Neugier zu befriedigen. Ich möchte über Gott sprechen nicht in der Weise des frommen Märchens, sondern in der Weise, daß ich hinweise auf einen glaubhaften Zeugen, der uns die Wirklichkeit Gottes bezeugt, nämlich auf Jesus. Warum halte ich Jesus für glaubhaft als Zeuge in diesen Dingen, auch in den letzten Dingen? Nicht weil er so schön fromme Märchen erzählen konnte, die zu Herzen gehen, wie das von Lazarus und dem reichen Prasser, sondern weil er Ernst gemacht hat mit dem, was unser einziger Anhaltspunkt für die letzten Dinge ist: mit dem Tod und dem Sterben. Was es wirklich auf sich hat mit dem Ewigen Leben, das ist zunächst einmal das Sterbenmüssen, die Realität des Todes. Betrachten wir das Sterben und den Tod Jesu. Das Fundament all meiner Hoffnung und meines Glaubens ist der Tod Jesu. Auch das Fundament meiner Hoffnung und meines Glaubens an die Auferstehung.

Die Probe auf den Auferstehungsglauben, wie sie uns der Evangelist Johannes in der Geschichte vom Ungläubigen Thomas schildert, besteht ja gerade in der Probe auf den Tod Jesu: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ (Joh 20,27). Vergewissere dich, daß ich der Gekreuzigte bin, vergewissere dich, daß die Seitenwunde vom Lanzenstich tödlich war, daß sie so tief geht, daß man sie nicht überlebt. Vergewissere dich, daß es nicht irgendwie weitergeht, sondern daß ich wirklich getötet worden bin und das Leben verloren habe. Denn der Tod und der Verlust des Lebens sind die Schwelle, über die es in die Wirklichkeit der Auferstehung geht, nicht sonst irgendwas, was noch da ist, was von Dauer ist, womit ein Mensch seinen Tod überlebt.

Betrachten wir also den Tod Jesu. Denn wenn es überhaupt ein Unterpfand für die Auf­erstehung, einen Anhaltspunkt für ein Leben nach dem Tod gibt, dann ist es sein Tod, Jesu Tod. Zunächst ein menschlicher Tod wie jeder andere auch, mit Todesangst, mit dem Gefühl der Verlassenheit, mit körperlichem Aufbäumen, mit Qual. Und dann, wie Jesus damit umgegangen ist. Die Angst hat er mit dem Gebet bestanden, nicht beseitigt, nicht abgelegt, sondern in die Form des Gebets gegossen: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22,42). Und wie er die Angst in einen Akt der Hingabe hineingelegt hat, so hat er sein ganzes Sterben in einen Akt der Hingabe an Gott, den Vater, hineingelegt. „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ (Lk 23,46).

Der Vater im Himmel, an den er sich gewandt hat, war für ihn die bestimmende Wirk­lichkeit im Leben. Er hat anerkannt, daß Gott größer ist, bedeutsamer, wichtiger als das eigene Leben. Und das kommt nicht erst in seinem Sterben zum Ausdruck, das war schon so in seinem ganzen Leben. Sein Gott war nicht der Bauch, sondern der Herr des Himmels und der Erde. Darum predigte er: „Fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt. … Denn um all das geht es den Heiden in der Welt. Euer Vater weiß, daß ihr das braucht. Euch jedoch muß es um sein Reich gehen.“ (Lk 12,29-31). Jesus hat sein Leben auf das Reich Gottes hin ausgerichtet. Er hat damit gerechnet und darauf vertraut, daß dieses Reich Gottes eine Existenzgrundlage für den Menschen auch über den Tod hinaus ist, weil Gott stärker ist als der Tod. Aber das Reich Gottes ist nicht die bequeme Grundlage, um weiterhin zu essen und zu trinken und das zu tun, was man eben so gern tut im Leben. Das hieße, Gott für die eigenen irdischen und allzu menschlichen Interessen einzuspannen. Unmöglich! Zuerst muß es uns um das Reich Gottes gehen, alles an­dere wird hinzu gegeben. Und das Eingehen in das Reich Gottes ist nicht ein Festhalten und Bewahren und Hinüberretten des kleinen Ichs über die Schwelle des Todes, sondern ist die Hin­gabe, die Übergabe an Gott.

Ich will das an einer weiteren Stelle deutlich machen. Beim Abschiedsmahl mit den Jün­gern spricht Jesus nach der Überlieferung des Markus: „Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.“ (Mk 14,25). Haben wir da nun etwa doch einen Anhaltspunkt, von dem aus wir spekulieren dürfen, wie es weitergehen wird nach dem Tod? Es sieht so aus, als würde Jesus damit rechnen, daß er nach der Unterbrechung des Leidens und Sterbens im Reich Gottes wieder trinken würde. Liebe Schwestern und Brüder, Achtung, daß wir nicht ins Fahrwasser eines frommen Märchens geraten! Wir müssen es uns versagen, dererlei Fäden weiterzuspinnen. Gerade über diesen Kelch mit Wein hat Jesus gerade im Satz zuvor gesagt: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Mk 14,24). Also nicht Essen und Trinken, und dann eine lästige Unterbrechung durch den Tod, und dann weiter Essen und Trinken, son­dern das geschaffene Leben findet sein Ende, das Blut wird vergossen, der Lebenssaft, die Lebenskraft wird dahingegeben. Nur eine Chance gibt es: das Leben, das ohnehin enden muß, freiwillig, vertrauensvoll, bewußt in die Hände des Schöpfers zurückzugeben. Jesus vollendet sein Leben in der Hingabe an den Vater. Und wenn irgendwie und irgendwann, dann setzt Gott, der Herr des Himmels und der Erde, mit seinem Reich einen neuen Anfang.

Was uns das Evangelium über das Ewige Leben zu sagen hat, ist also nicht ein frommes Märchen, sondern das Zeugnis über Gott, und es ist ein glaubhaftes Zeugnis, weil es ernst macht mit der Realität des Todes. Und das Evangelium bezeugt, Gott hat nun das auch wahr gemacht, wofür Jesus sein Leben einge­setzt hat, Gott hat ihn als glaubwürdigen Zeugen bestätigt. „Jesus Christus, er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten.“ (Offb 1,5). Nun kommt es darauf an, ob wir dieses Zeugnis anneh­men und uns darauf verlassen, oder nicht. Danach richtet sich unsere Einstellung zum Leben, unsere Erwartung vom Leben und unsere Erwartung an Gott, den Schöpfer des Lebens. Ein geistlicher Lehrer hat einmal gesagt: „Ans Kreuz kommen wir alle, wir haben nur die Wahl: links oder rechts.“ (P. Götz Werner SJ). Das ist eine Anspielung auf die beiden Schächer. Der gute Schächer links endet damit, daß er sich Jesus anvertraut: „Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (Lk 23,42). Der andere bleibt hart und will den Messias einspannen für sein irdi­sches Leben, damit er noch einmal mit heiler Haut davon kommt: „Bist du denn nicht der Mes­sias? Dann hilf dir selbst und auch uns!“ (Lk 23,39). Ans Kreuz kommen wir alle. Das Ende unseres Lebens kommt unweigerlich auf uns zu. Aber aus dem, was wir an Leben haben, können wir einen Akt des Vertrauens gegenüber Gott, einen Akt der Hingabe in Liebe an Gott machen. Dasselbe sagt ein moderner geistlicher Autor, C.S. Lewis: „Keine Sorge. Es gibt letzten Endes nur zwei Arten von Menschen: diejenigen, die zu Gott sagen: »Dein Wille geschehe!«, und die­jenigen, zu denen Gott am Ende sagt: »Dein Wille geschehe!«“ (C.S. Lewis, Die große Scheidung, Gießen 1998, 54).

Jesus ist derjenige, der betend zu Gott gesprochen hat: Dein Wille geschehe! Das war seine Einstellung zum Leben, das war seine Einstellung zum Sterben, das war seine Einstellung zu Gott. In dieser Haltung lebte er, in dieser Haltung starb er und in dieser Haltung wurde er von Gott zu unvergänglichem Leben erweckt. Denn Gottes Wille bedeutet Leben. Dafür ist Jesus glaubwürdiger Zeuge, glaubwürdig, weil er diese Einstellung mit dem Tod besiegelt hat. Die Sache mit dem Ewigen Leben ist eine Sache der Einstellung. Sie ist kein wahres frommes Mär­chen, sie ist auch kein falsches frommes Märchen, sie ist überhaupt kein frommes Märchen, sondern sie ist eine Sache des Glaubens an Gott. Sie ist in ihrer ganzen Realität, in ihrem ganzen Gewicht, in ihrem ganzen Ernst eine Sache in diesem Leben, nämlich die Entscheidung, sich mit seinem ganzen Leben in die Hand Gottes zu geben. „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ Amen.