Das Archiv



1. Fastenpredigt in der Pfarrei St. Matthias



Gehalten am 04.03.2001 von Abt Odilo Lechner OSB



Thema: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen!





Liebe Schwestern und Brüder,


zunächst einmal herzlichen Dank für die Begrüßung und die Glückwünsche. Ich darf Sie erwiedern und der Pfarrei St. Matthias in Fürstenried herzlich gratulieren, dass Sie nun doch schon mehrere Jahre hindurch die Tradition der Fastenpredigten an einem Sonntagnachmittag durchgehalten haben, sich so zahlreich dem Wort Gottes stellen, eine Orientierung suchen für den Weg zu dem Sinn unseres Lebens, zum Osterfest. Die Reihe steht, wie voriges Jahr schon, unter dem Motto der 10 Gebote, der 10 Worte, der 10 Weisungen, der 10 Verheißungen, die Gott gegeben hat. Die Jahrhunderte hindurch waren die 10 Gebote so etwas wie Richtungslinien, die das Leben bestimmt haben. Ist das auch heute noch so?


„Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen“, heißt das zweite Gebot, wie es uns im Buch Exodus überliefert ist. Der Schweizer Dichter Kurt Marti, evangelischer Theologe, hat in einem 1971 veröffentlichten Gedicht über die Passion des Wortes Gott geschrieben: „Es blutet aus allen Wunden, es wurde vergewaltigt von Herrschern und Herrscherinnen, verraten, zertrampelt, gevierteilt, gezehnteilt. Das Gedicht endet: Und also wurde das Wort „Gott“ zum letzten der Wörter, zum ausgebeutetsten aller Begriffe.“

So sollen wir uns fragen: Wie ist das mit diesem Wort „Gott“? Wir lesen also im Buch Exodus: „Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Oder anders übersetzt: „Du sollst den Namen Jahwes, Deines Gottes, nicht für Falsches aussprechen.“

Jörg Zink übersetzt frei: „Nenne nicht Gottes Namen, wenn Du Nichtiges im Sinn hast. Er wird den, der Gottes Namen nichtig macht, nicht ohne Strafe lassen.“ Dieses Negativ-Gebot, das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen, dürfen wir zusammen sehen mit den Weisungen, den Namen Gottes zu heiligen. So lesen wir im Buch Leviticus, in der Gesetzgebung am Ende einer langen Reihe von Vorschriften: „Ihr sollt meinen heiligen Namen nicht entweihen, damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde. Ich, der Herr, bin es, der euch heiligt, ich, der euch aus Ägypten herausgeführt hat, um euer Gott zu sein. Ich bin der Herr.“

Den Namen Gottes, den heiligen Namen Gottes, nicht entweihen, damit er inmitten des Volkes geheiligt ist. Und so verstehen wir, wie wichtig das ist, wenn Jesus, Gottes Sohn, unser Bruder, uns zu beten lehrt als erstes nach der Anrede Gottes: „Geheiligt werde Dein Name.“ Was ist uns mit einer solchen Weisung gesagt, was bedeutet das?


Ich würde sagen, erstens einmal: Da ist Heiliges mitten in unserer profanen Welt. Mitten in unserer Welt, die nach D-Mark und Euro und Dollar rechnet, den Blick auf die Aktienkurse, mitten in unserer technisch rationalisierten Welt, gibt es etwas, so hören wir da, was heilig ist, unversehrt, ganz, nicht von uns zerlegbar, nicht diskutierbar, als ob es in unserer Verfügung stehe, als ob wir uns darüber stellen könnten. Heiliges in unserer Welt, gibt es das noch?

Und hier handelt es sich um den Namen des Heiligen.


Ein zweites wird darin deutlich in dieser Weisung: eine große Ehrfurcht vor der Sprache, die im Vater unser das Erste ist. „Geheiligt werde Dein Name“: der Name, die Sprache ist wichtig. Wir leben natürlich in einer Flut von Worten. Wir werden überflutet von den Medien, von den Schlagworten, von den Reklameworten, von einer Verstümmelung der Sprache, die sich auf Anrufe reduziert, auf Reklameworte, die uns in Beschlag nehmen wollen. Und da erfahren wir, etwa in diesem zweiten Gebot, wie natürlich auch im 8. Gebot, dass das Sprechen etwas Wichtiges ist, dass es die Wirklichkeit des Menschen ausmacht. Wir haben ja oft den Eindruck: Da wird furchtbar viel geredet und die Wirklichkeit ist ganz anders. Aber, so merken wir da, die Wirklichkeit des Menschen ist eine Wirklichkeit des Wortes. Der Mensch ist Mensch, weil er Sprache hat, weil er Dinge benennen kann. So steht es im Schöpfungsbericht, im 2. Schöpfungsbericht, im 2. Kapitel Genesis im Garten Eden: Gott führt dem Menschen die Tiere zu, die lebenden Wesen, und wie der Mensch jedes lebendige Tier benannte, so sollte es heißen. Der Mensch kann etwas sprachlich ausdrücken, ins Wort bringen, und dadurch etwas vom Wesen einer Pflanze, eines Baumes, der Natur, der lebendigen Wesen, ausdrücken. Er kann damit Welt verstehen und - ein Wunder – wir können uns verständigen. Wir spüren, dass in einem Wort, das ein Anderer sagt, etwas gemeint ist, was ich auch verstehe, was ich auch empfinde, was ich auch als Wirklichkeit erfahre. Und unser Zusammenleben hängt davon ab, dass wir auf unsere Worte achten, dass wir die Sprache pflegen und nicht verwildern lassen, dass wir Worte aufnehmen und antworten können.


Und so ist es ein drittes, was uns auch in dieser Weisung deutlich wird: dass wir in besonderer Weise Ehrfurcht haben müssen - wenn wir uns nicht verfehlen wollen – vor dem Namen eines anderen Menschen.

Der Mensch – Ebenbild Gottes als Mann und Frau. Und so ist Adam nach der biblischen Erzählung entzückt, da ihm die ihm gleiche, ihm ebenbürtige Partnerin zugeführt wird von Gott: Ischa, die Menschin, Mensch wie ich. Er kann zu Ihr Du sagen und sie sagt zu ihm Du. Und so erfahren sie, dass sie Person sind, dass sie ein Ich sind. Für das Kind ist das wichtig, dass der Mensch dadurch Mensch ist, dass er angesprochen, angerufen ist. Auch die moderne Neurologie stellt fest, dass sich das Gehirn, gerade dadurch entwickelt (also etwas ganz Wirkliches, materiell erfahrbares), dass der Mensch angesprochen wird, dass das Kind Zuwendung erfährt, angerufen wird als „du“ und sich dem anderen zuwendet, sich überhaupt der Welt zuwenden kann; es wird neugierig auf das, was da dieses Kind anruft. So erleben wir immer wieder dieses Wunder, dass wir mit einem Namen gerufen werden. Das ist das Schöne bei jeder Taufe, dass da der Priester fragt: „Welchen Namen haben Sie Ihrem Kind gegeben?“ Und da kommt es meistens mit Stolz: „Johannes“ oder „Maria“ oder „Erika“ oder wie immer. Und nun wird das Kind, wenn es irgendwo in der Fremde auf einem Bahnhof ist, aufleuchten, wenn da plötzlich jemand ruft: „Erika, bist du hier?“ Und sie spürt, mich kennt jemand, mich meint jemand, mich ruft jemand. Das Geheimnis, dass Menschen zueinander Du sagen, einander ansprechen, einander beim Namen rufen, erfordert diese Ehrfurcht vor dem Namen des anderen. Der Name wird so leicht in den Schmutz gezogen. Wir haben oft sozusagen eine teuflische Freude daran, jemandes Namen zu kränken, zu verspotten. Kinder schreiben am Schulhof „Hans ist doof“. Oder dass man den Namen verballhornt.

Und wir wissen, wie tief verletzt ein Kind sein kann, wenn es spürt, sein Familienname wird lächerlich gemacht. Und wir spüren, was verloren geht, wenn dieses Geheimnis des Namens zertreten wird, wennn alles öffentlich wird, wenn das Intimste, das ein Mensch zu einem anderen gesagt hat – ich liebe dich-, wenn das zerredet wird, wenn das vom fernsehen ausgebreitet wird, wenn nichts mehr von diesem Geheimnis der ganz persönlichen Zuwendung und des Namensnennens bleibt – das Geheimnis des Namens.


Und nun ein viertes: wir dürfen den Namen des Höchsten in den Mund nehmen, in unserem sprachlichem Ausdruck an das kommen, was uns unendlich übersteigt: dass es den höchsten gibt, dass wir den Namen denken können, dass wir versuchen können, ihn auszusprechen. Es ist die Sehnsucht der Menschen, diesen höchsten Namen auszusprechen. Es ist die Sehnsucht der Menschen, diesen höchsten Namen auszusprechen und damit etwas von ihm zu erfahren und zu benennen.

Aber ist er denn aussprechbar? Kann man ihn nennen? Immer wieder haben die Philosophen, die Denker, versucht, das zu erfassen, das, was man nicht mehr erfassen und begreifen kann, doch noch zu benennen. Plato, der große Philosoph der Antike, hat in seinem Kratylos geschrieben: „Die wahren Götternamen sind jene, mit denen die Götter sich selbst benennen. Da wir Menschen sie nicht wissen können, müssen wir uns mit den Namen begnügen, mit denen wir die Götter anzurufen pflegen.“

Können wir einen Namen Gottes wissen? Wir können auf jeden Fall dies ahnen und dies auch aus der Schrift erfahren, dass im Geheimnis der Sprache, im Geheimnis des Wortes Gott gegenwärtig ist. Der Schöpfungsbericht spricht davon, dass Gott alle Wirklichkeit hat entspringen lassen, entstehen lassen, durch sein Wort. „Er sprach“, es ward Morgen, es ward Abend, 1. Tag, usw. Er sprach: „Es werde.“

Und so können wir ahnen, dass in diesem Wort, das wir gebrauchen, mit dem wir Welt ausdrücken und verstehen und einander zu verstehen geben, dass in diesem Wort das Geheimnis eines Urwortes lebt: Das Wort Gottes, das Geheimnis Gottes für uns, der christlich-jüdischen Tradition, darin besteht, dass Gott uns anspricht und dass wir ihn anrufen dürfen. Und so ist der Name Gottes die Zuwendung Gottes zu uns.

Im Buch Exodus lesen wir auch diese Verheißung, dass Gott zum Volk sagt: „Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der dich schützt, der dich bewahrt, der dich führt. Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, mein Name ist in ihm.“

Es ist die Zuwendung Gottes zu uns, die uns anspricht, und der uns hört. Der Name Gottes ist seine Zuwendung zu uns und er ist vor allem dies, dass er uns anspricht, dass er uns anruft. Und so erfahren wir das große Ereignis, von dem das ganze Alte Testament, von dem das Gottesvolk lebt, von dem her auch wir leben, der Anruf Gottes an Mose. Der Hilfeschrei des Israeliten ist zu mir gekommen. So kommt der Ruf „Mose, Mose“ aus dem brennenden Dornbusch. Und Mose kann nur sagen wie wir alle, die angerufen werden: „Ja, ich bin da, ich bin bereit“. Und so darf Mose diese Stimme hören, die ihn anruft, die ihn beim Namen ruft, die ihn meint.

Und wer ist dieser Gott? Er ist der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Es ist der Gott, der einen immer wieder beim Namen gerufen hat, sich ihm gezeigt hat, so dass er erfahren hat: da ist einer, der mich kennt, mich beim Namen nennt, der mich ruft. Und Mose fragt: „Und wie heißt du? Welchen Namen hast du? Wie soll ich dem Volk sagen, wer das ist, der uns da anruft, der uns befreien will, der unsere Notschreie gehört hat?“ - Und so offenbart Jahwe seinen Namen: „Ich bin da als der Ich bei Euch, der für Euch da ist, der ich für Euch da bin, der Ich-bin-da-bei-euch.“ Es ist kein Name, mit dem man jemand festnageln kann. Es ist ein Name, der sich zugleich entzieht, ein Name, der in der Geschichte erfahrbar wird, erfahrbar war, erfahrbar sein wird, der Zukunft verheißt, der Mit-Gott, der anspricht, aber nie fassbar, greifbar ist, in irgendetwas Irdisches einzuordnen ist. Darum vermeiden es die frommen Juden, diesen Namen auszusprechen, und umschreiben ihn, weil er ein so großes Geheimnis ist, dass man sich von ihm angerufen weiß, dass man zu ihm du sagen darf, weil er uns ja du und ihr nennt, weil man ihn doch nie begriffen hat, nie einordnen kann, weil er immer Ereignis ist, immer Geschehen mit uns, ein Geschehen, in das wir uns hineinbegeben, weil er gegenwärtig ist, schlechthin da ist für uns, für jeden von uns, für mich.

Kurt Marti, der Schweizer Dichter, den ich am Anfang zitiert habe, sagt in einem anderen Gedicht, das überschrieben ist „Dein Name“: „Dein Name werde geheiligt“ und dann fügt er an: „Dein Name soll mir kein Hauptwort bleiben, ein Wort, von dem etwas ausgesagt wird; dein Name werde Bewegung, dein Name werde ein Tätigkeitswort, dass etwas an uns geschieht, mit uns geschieht, durch uns geschieht.“

Der heilige Gott, das Geheimnis, das keiner von uns ergründen kann, wendet sich uns zu, und wo wir uns ihm öffnen, da heiligen wir auch ihn, da halten wir ihn unversehrt, da verneigen wir uns voll Ehrfurcht vor ihm. Der Gottesname ist der Name, dass er, Gott, sich in der Geschichte zeigt – die ganze Bibel ist ein solcher Bericht von Geschehnissen, von Bewegungen, von Anrufen dieses Gottes, der mit uns geht. Und er ist ein lebendiger, ein heiliger Name, wenn er in unserem Leben als ein solcher erfahren wird, der mit uns geht und der uns anruft und auf den wir hören dürfen. Was heißt das also? Das heißt doch, dass dies „den Namen heiligen“, den Namen heilig halten, einfach bedeutet: ich höre, ich erfahre, dass er mich anruft. Glaubend nehme ich das an, nehme ich das auf. Ich darf ihn anrufen und darf sagen zu Gott Du.

Ich habe in der vergangenen Woche ein paar Leute gefragt, wo ihnen das so aufgegangen ist, was der Name Gottes für sie bedeutet. Ein junger Mann sagte, dass er im Gotteslob sehr viel Trost findet. Am Anfang unseres schönen Gebetbuches, bei der Nr. 3, wo Gott angerufen wird;

„O Gott, ich bete dich an – du Weisheit, die mich erdacht,

du Wille, der mich gewollt,

du Stimme, die mich ruft.

Und dass er dann darüber nachdenkt und Gott dankt, wenn er spürt, in ihm ist etwas Gutes und Schönes da: Weisheit, die mich erdacht; Wille der mich gewollt. Und dass erfragt, wenn er seine Mängel sieht: Was hast du denn gedacht, wie du mich so langsam oder so begriffsstutzig geschaffen hast?

Und jemand anderer erzählte von 1945, wie hier in Sendling der Krieg zu Ende ging, wie man aus den Kellern hervorkam, wie man noch ängstlich aufeinander schaute, weil es Bespitzelung gab, weil letzte Leute da waren, die Widerstand leisten wollten, wie man dann doch auf die Straßen ging und plötzlich spürte: wir sind frei! Wie die Amerikaner einzogen. Und diese alte Frau erzählte: „Und auf einmal haben die Leute zu singen angefangen „Großer Gott, wir loben Dich“. Und die amerikanischen Soldaten, es waren wohl welche darunter, die das kannten, sind stehen geblieben und haben dabei ihre Mützen abgenommen. - Großer Gott, wir loben Dich!

Ich selbst erinnere mich, wie 1949, als die Bundesrepublik gegründet war und der erste Bundespräsident Heuß München besuchte, viele Leute zusammenströmten. Es war nichts organisiert. Es war aber die Freude da; wir sind wieder ein Staat, wir haben eine gewählte Regierung, und wir haben einen Bundespräsidenten. Und dann fingen die Leute spontan zu singen an: „Großer Gott, wir loben Dich“, weil es damals gar kein anderes Lied oder eine Nationalhymne gab.

Das Geheimnis dieses Namens: wir spüren: ja, es ist eine Kraft da, die uns trägt, es ist einer da, der uns ruft und der uns meint, und wir dürfen ihm antworten.

Ein anderer sprach von der Krankheit eines Familienmitgliedes, und wie das eine Frage ist: Gott, was willst du, was lähmt unsere Tochter, welche Botschaft liegt in dem, dass da so schweres Leid unter uns ist.

Natürlich geht es auch darum, dass wir diesen Namen bezeugen. Ein Student, der noch in der DDR aufgewachsen ist, sagte, dass er der einzige Christ war, dass der Name Gott nicht vorkam, und dass es doch galt, ihn zu bezeugen, da er doch der ist, der mit uns in einer lebendigen Beziehung steht. Ist es nicht schlecht, falsch, über Gott zu reden, da wir doch nur mit ihm reden können? Und ist unsere Rede, also auch unsere Verkündigung, kann die nichts anderes sein, als dass wir davon durchdrungen sind, Zeugnis zu geben, dass wir mit ihm in Beziehung stehen? Dass wir zumindest Sehnsucht nach ihm haben, und dass wir in unserem Leben erfahren haben, es gibt einen Anruf, es gibt einen, der mich trägt, es gibt einen, an den ich glaube, der mir Verheißung, der mir Zukunft gibt; dass wir darum so ehrfürchtig dieses „Mit ihm in Beziehung stehen“ bezeugen, dass wir eigentlich nicht über ihn reden können, sondern nur von ihm als einem, der unter uns gegenwärtig ist, der in Jesus, dem wunderbaren Menschen, ganz gegenwärtig war und der seine Faszination auch heute noch auf mich, auf uns ausübt und der lebendig ist in der Gemeinde der Glaubenden. Wir dürfen von ihm reden, aber eben so, wie wir von einem reden, der mitten unter uns ist, über das wir nicht so einfach dahinreden können, sondern wo wir spüren, er ist es, der ja da ist, der gegenwärtig ist, der in mir ist.

Was bedeutet nun das, diesen Namen Gottes, dieses Geheimnis unseres Lebens, nicht missbrauchen, nicht für Nichtiges verwenden? Ich denke, es ist zunächst einmal einfach dieses, den Namen Gottes nicht zu vergessen unter dem vielen, was wir reden. Für den heiligen Benedikt ist das ganz grundlegend, Gott nicht zu vergessen, dass er gegenwärtig ist. In allem, was wir denken und fühlen und wollen und was wir sind, in allem, was ist. Diesen Namen nicht vergessen, sondern ihn in uns tragen, und ihn immer wieder anrufen. Das ist dieses immerwährende Gebet, das wir mit dem Jesus-Namen verbinden können, mit diesem Namen, dass Gott ganz da ist, dass Gott rettet, dass Gott Heil ist.


Ein zweites: Dass wir den Namen nicht nichtig machen, dass wir ihn nicht zu einem Wort machen unter vielen Worten, das zu Alltagsworten eingeebnet wird. Dass er nicht ein Wort neben vielen anderen Worten ist, sondern dass er das Grundwort ist. Wir haben oft solche Worte, wo wir sagen „Gott-sei-Dank“ oder „Da sei Gott davor“ wo wir immer wieder neu erst den Sinn erfassen müssen, wie bei unserem „Grüß Gott“, das wir zueinander sagen. Das alles hat einen tiefen Sinn, aber wir sollen es nicht gebrauchen als Floskel. Dass eben Gott nicht nur der liebe Gott ist. (Es ist ein schönes Wort, er ist der Gott der uns liebt, der liebenswert ist-). Aber so oft wird verniedlichend gebraucht, was da der liebe Gott sagt. Oder der Herrgott, der nur als ein Machtinstrument gilt.

Und so schließlich wäre das nächste noch, dass wir diesen Namen Gottes nicht missbrauchen, dass wir ihn benützen, dass wir über ihn verfügen, dass wir ihn einsetzen für unsere eigenen Interessen, um uns durchzusetzen. Es gibt die Gefahr, die Gefährdung, dass wir ihn gebrauchen, nicht sein Geheimnis wahren, über das wir nicht verfügen können.

Der Heilige Vater hat im vorigen heiligen Jahr auch dieses Bekenntnis der Verfehlung der Sünde für die Kirche abgelegt, im Namen der Kirche, im Namen Gottes, über Menschen verfügt zu haben. Wir wissen, was alles im Namen Gottes geschehen ist von Menschen, von Staaten, - Kriege, Tötungen, Ausschließungen, Gewalt, Interessenvertretungen. Das ist der Missbrauch des Namen Gottes. Wir müssen uns immer neu selber unter diesen Namen stellen und dafür bereit sein, von ihm angerufen zu werden. Und wir sollen ihn auch hineinbezeugen in unsere Welt, dass es der Umkehr bedarf, wenn wir nicht zugrunde gehen wollen, weil er, sein Name, die Zuwendung des Lebens an uns ist, weil er ein Gott des Lebens ist, unser Leben, der die Neuwerdung des Menschen auf der Welt will, der ganz zu uns „ja“ sagt. Dass wir dies bezeugen, das ist uns aufgegeben.

Gott ist der Heilige schlechthin. Aber wenn wir sagen, wir heiligen seinen Namen, dann heißt dies, wir nehmen ihn ganz ernst. Wir öffnen uns ganz dem Wirken, dem Tätigwerden, der Wirklichkeit dieses Gottes und dadurch heiligen wir die Welt.-

Der Dichter Rudolf Wiemer hat in einem Gedicht, das 1973 erschienen ist und mit „Wortwechsel“ überschrieben ist, unser Leben mit einem Wildwechsel verglichen: „Im Scheinwerferlicht, wenn das Wild über die Fahrbahn wechselt, erschreckt, verfolgt, so folge ich Deinem Anruf.“ Und dann spricht er von den Worten und dem Wortwechsel: „Ein Wort gibt das andere, sie wechseln ihre Bedeutung und werden selber wie Wechsel gewechselt.“ Und dann endet dieses Gedicht: „Doch du, unerkennbar, jenseits des tödlichen Schweinwerfermessers, auf dem zerschnittenen Pfad, mich dunkler erwartend, bis du, der bleibt im Wechsel der Worte das Wort? Diese Frage, von uns gehetzt, die wir Sprachschwierigkeiten haben, den Wechsel der Sprachen und der Worte und den Verschleiß der Worte: Bis du der, der bleibt? Das Wort, das eine Wort das unser Sprechen ermöglicht und das in seinem Wort alles geschaffen hat und das uns neu schaffen will.

„Geheiligt werde dein Name“: Du Urwort, du Wort, durch das ich sprechen kann, dass wir einander verstehen. Du heiliges Wort, bleibe unter uns heilig und heilige uns immer mehr.

Und so möchte ich sie einladen, dass wir mit Jesus, der uns gelehrt hat, zum Vater, zu dem Gott, der aller Ursprung ist, der mütterliche Liebe und väterliche Zuwendung und Führung ist, dass wir zu ihm gemeinsam sprechen:

Vater unser im Himmel ...


Der Herr strecke seine Hand aus, er lege seinen heiligen Namen auf uns, er wende uns sein Antlitz zu. Und so segne und heilige uns der gütige und barmherzige Gott: Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen




eventuelle Druckfehler bitten wir zu entschuldigen