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2. Fastenpredigt in der Pfarrei St. Matthias



Gehalten am 11.03.2001 von Pfarrer Karlheinz Summerer



Thema: Gedenke des Sabbats, halte ihn heilig!





Liebe Gemeinde von St. Matthias,

liebe Gäste, liebe Christen!


Ich bin es nicht gewohnt, Fastenpredigten zu halten. Darum muss ich auf die Uhr schauen, damit ich nicht zu lange predige, oder zu kurz, je nachdem. Man muss auch die richtige Bahn einhalten, damit man das Richtige sagen kann. Ich versuche es jetzt einfach einmal und möchte Ihnen zwei Dinge vorausschicken, die gleichsam als Überschriften über diesem Teil stehen:


Als erstes sicher das, was über die 10 Gebote schlechthin als Überschrift gedacht ist und geschrieben wurde: „Denke daran, dass ich dich aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit habe. Deshalb wirst Du doch keinen fremden Namen neben mir haben usw.“ Deshalb wirst Du doch nicht so dumm sein und wirst dir den Sabbat wegnehmen lassen- könnte man jetzt überschreiben. Das ist das eine.


Und das zweite möche ich bei Antoine de Saint-Exupéry ausleihen, der da schreibt: „Willst du ein Schiff bauen, rufe nicht die Menschen zusammen, um Pläne zu machen, die Arbeit zu verteilen, Werkzeuge zu holen und Holz zu schlagen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, endlosen Meer.“

Oder übersetzt auf unser Thema: Willst du dem Sonntag wieder die Wurzeln der Tiefe mitgeben, dann frage nicht zuerst, welche Verpflichtung oder Erlaubnis des Fehlens du hast, sondern frage nach deiner Sehnsucht, das Geschenk des Sonntags zu halten.

Das Christentum hat den Sonntag nicht erfunden, um ein Kulturgut zu schaffen, und das menschliche Urbedürfnis nach einem gemeinschaftlichen Daseinsrhythmus zu befriedigen, oder um der Übermacht des Kommerzes entgegenzutreten. Liebe Christen, es hat ihn eingeführt, um die Auferstehung Jesu Christi zu feiern.

Aus dem Jahr 304, als der römische Kaiser Diokletian die Christen verfolgen lies, ist ein Verhörprotokoll mit der Vernehmung nordafrikanischer Gläubiger erhalten, die beim Gottesdienst überrascht und verhaftet worden waren. Der römische Statthalter fragt, warum sie sich trotz des kaiserlichen Verbots versammelt hätten. Die Antwort lautet: „ Weil wir ohne den Tag des Herrn nicht sein können.“

Für die frühen Christen war die Sonntagsfeier der zwingende Ausdruck ihres Glaubensbekenntnisses, so sehr, dass es sich dafür den Märtyrertod zu sterben lohnte. Zur Verteidigung des Sonntags wird ganz richtig gesagt, es müsse Dinge geben, die nicht zur ökonomischen Disposition stehen, die also unverfügbar sind. Aber was unverfügbar wirklich heisst, kann man aus diesem Beispiel lernen. Für die Märtyrer unter Diokletian war der Sonntag tatsächlich unverfügbar. Für wen ist er das heute noch? Wenn auch unsere obersten Politiker bereits am Sonnag um 11 Uhr das Bündnis der Arbeit einberufen, der Sonntag ist wieder in die Diskussion geraten. Ich meine das nicht negativ, sondern Gott-sei-Dank. Die Frage ist allerdings, von welcher Seite her. Es gibt vielfältige Abschnitte, die den Sonntag auch belasten, und alle haben letztendlich mit unserem christlichen Sonntag zu tun. Da sind die

Fragen des Ladenschlusses, die
Fragen der Verschiebung der Arbeitszeit,
Fragen der Familie, die sich nicht mehr treffen kann, weil alle
unterwegs sind, irgendwohin,
Fragen der Gemeinschaft und damit auch
Fragen der Ehrenamtlichkeit, oder, wie es heute heisst,
der freiwilligen Mitarbeit,
Fragen des Sonntags als Träger der abendländischen Kultur,
und dazwischen dann die
Fragen unseres christlichen Sonntags als dem Begegnungstag
zwischen den Menschen und ihrem Gott.

Vor kurzem las ich in einer Überschrift: „Der Mord am Sonntag“! Eines ist sicher, einen 8. Tag können wir der Woche nicht anhängen, also Vorsicht bei der Beseitigung des 7. Tages. Und wir 10 Millionen Christen in Bayern haben hier nicht nur die Aufforderung zu spüren, sondern wir tragen eine Verantwortung für die kommenden Generationen. Ich weiß nicht, ob sich von Ihnen noch jemand erinnern kann, als in der UdSSR die sog. 10-Tages-Woche eingeführt werden sollte. Was geschah? Die russischen Mamutschkas, die Großmütter also, sagten: „Mit uns nicht! Njet!“ Und wer sagt bei uns, „Mit uns nicht!“ Ich möchte Ihnen in mehreren Abschnitten diese Ideen vortragen und dazwischen vielleicht auch die eine oder andere Geschichte nennen, weil ich meine, dass Geschichten dazu beitragen, Wesentliches erkennen zu können.

Ich möchte das ganze in 4 Abschnitte teilen, gleichsam wie ein Altar, der 4 Seiten hat. Denn über den Altar werden wir letzlich auch zu sprechen kommen, der uns ja Wesentliches mitgibt.

Nennen wir also die erste Seite: Der Sabbat.

Im alten Testament ist der Sabbat heilig, d.h. voller Segen. Dieser Segen zeigt sich im Wein, im Honig, in der Milch, in der Begegnung von Mann und Frau, und drückt damit aus: das ist Heil und Segen. Der Sabbat ist keine unausgefüllte Zeit, sondern er ist Heil, Gesundheit und Fülle. Und zusammen mit dem Dank gehen diese Dinge hin und her.

Und es steht eben bei Exodus 34: 6 Tage sollst du arbeiten, am 7. Tage aber sollst du ruhen. Das ist die älteste Formel. Damit ist auch gemeint, laßt euch nicht dauernd ausbeuten. Denn wenn ich diesen 7. Tag, den Sabbat, auch noch zum Arbeiten hernehme, dann ist das letztlich Ausbeutung des Menschseins, die uns hier bereits im Alten Testament als negatives und für den Menschen als positives Geschenk gegeben ist. Selbst für die Zeit des Pflügens und des Erntens soll der Sabbat gelten. So heißt es z.B. an einer anderen Stelle: 6 Jahre kannst du säen und ernten, im 7. Jahr aber sollst du den Acker brach liegen lassen. Die Armen sollen das noch ernten können, was übrig ist. Das heißt also, nach 6 Jahren muß auch das Feld Ruhe haben und sich wieder erholen können.

Und im Deuteronomium heißt es: Alle, Herren und Sklaven, dürfen ausruhen. Denk daran, der Herr hat dich herausgeführt aus Ägypten. Darum halte den Sabbat.

Und noch einmal steht in Exodus: Gedenke des Sabbats, halte ihn heilig: denn der Herr schuf in 6 Tagen Himmel und Erde. Der 7. Tag aber ist heilig. Deshalb der Dank für die Schöpfung und für die Befreiung. Der Sabbatbegriff heißt übersetzt: Aufhören, Ruhe geben, ausruhen! Der Mensch darf und muss zur Ruhe kommen können, es geht um das Geschenk der Ruhe. Näher zu betrachten haben wir also den Sonntag, der als Sabbat ein Geschenk Gottes an die Menschen ist, damit sie Zeit zur Ruhe und zum Menschsein haben. Aber Ruhe heißt nicht einfach Ausschlafen, sondern auch, Dinge tun, die dem Menschen zum Menschsein verhelfen. Dazu gehört z.B. die gesamte Beziehungsregelung zu Gott und zu den Menschen. Die Messe ist hier Ort und Wirklichkeit des religiösen Menschseins. Ich bringe am Sonntag mein Wochenleben mit. Ich lege es als Hostienbrot in die Schale: mein Werkeln, mein gelungenes Arbeiten, meine Schwierigkeiten, die ich hatte. Alle diese Dinge werden vorgetragen und auf den Altar gestellt. Der Priester hält diese Dinge Gott entgegen und sagt Ihm an: Guter Gott, schau an, was wir dir bringen, und Gott sagt: Jawohl, ich nehme das an, ich verwandle dieses dein Tun in Jesus Christus hinein, in sein ganzes Mensch- und Gottsein, in seine Hingabe. Früher nannte man das Opfer. Gott geht mit dir wieder neu in deine Welt; das geschieht in der Kommunion, er händigt sich uns aus. Voneinander leben wir, miteinander beten wir. Und wenn es wirklich einmal nicht möglich ist, in den Gottesdienst zu gehen, dann bleibt für mich die Frage: Wie mache ich den Sonntag trotzdem zu einem Sabbattag, zu einem ruhenden Pol meines Lebens? Wie kann ich mit Gott reden, wie kann ich ihn ernst nehmen, wie kann ich ihm einen Raum geben an diesem Tag? Und deshalb muss ich letztlich eine Antenne ausfahren, dass er mir seine Gnade schenken kann. Ich muss wenigstens die Hände hinhalten, damit er sie mir füllen kann.

Oder: Was mache ich in den Ferien? Als ich einmal ein kleines Kind fragte: „Wo warst du denn am Sonntag im Gottesdienst?“ - „Ja, wir waren in Urlaub.“ Daraufhin habe ich weiter gefragt: „Warst du z.B. in Taiwan, oder sonst irgendwo weit weg?“ - „Na, na, wir waren in Österreich“ - „Und wie war denn das? Habt ihr denn keine Kirche gefunden?“ - „Schon, aber wir waren doch in Urlaub.“

Ich glaube, dass auch manche Erwachsene so denken: Urlaub heißt auch Urlaub von Gott. Aber wer sagt schon: Ich brauche nichts zum Essen, denn ich bin ja in Urlaub. Sie wissen selber, dies ist eine Frage, für die manche Leute nichts Entscheidendes beitragen außer – wie soll ich das einteilen? Gut. Es geht jetzt letztlich nicht darum, dass ich sage, das ist ein Gebot und wer dieses Gebot übertritt, hat eine schwere oder eine Todsünde. Es geht hier nicht zu allererst um Todsünden. Es geht vor allem um das Geschenk des Sabbats, des Sonntags, das uns der Herrgott gibt, damit wir leben können. Gedenke, dass du den Sabbat heiligst. Der Sabbat gehört zu deinem Menschsein, dass es Menschsein bleibt.

Ich erzähle jetzt eine Geschichte, die allerdings ein bißchen lang ist, deshalb verkürze ich sie: Es ging darum, dass ein Ort früher Freudenstadt hieß. Die Leute dort sagten aber: Wir möchten uns noch mehr leisten, wir möchten den Konsum noch steigern, und deshalb nannten sie ihre Stadt um in Werklingen. Und irgendwan sagten die Kinder zu den Großeltern: „Es gefällt uns nicht mehr in Werklingen.“ - „Ja, ja“, murmelten die Großeltern. „Stimmt es“, fragten die Kinder, „dass unser Ort früher mal Freudenstadt hieß?“ - „Ja, das stimmt.“ - „Und war es früher hier auch fröhlicher?“ - „Viel fröhlicher“, sagten die Großeltern. „Aber wieso wurde es anders?“, fragten die Kinder. - „Es begann damit, dass wir die Feiertage abschafften“, antworteten die Großeltern. Die Kinder schauten sie mit großen Augen an. „Was sind Feiertage?“

Sabbat, das ist die erste Seite unseres Tisches, den wir hier vorstellten.

Wir kommen zur zweiten Seite, die wir auf den Sabbat oder auf den Sonntag hin ausrichten. Der Mensch darf Auferstehung oder Auferweckung erfahren und muss diese in sich wirken lassen. Dies ist zu feiern, denn es ist dies nicht nur der 1. Tag, sondern zugleich auch der 8. Tag, das heißt also der Tag, an dem die Neuschöpfung sichtbar werden darf und soll, es ist Auferstehungstag. Deshalb haben Sie Ihre Osterkerze am Sonntag brennen, weil hier das sichtbar werden muss, was Auferstehung letztlich heißt für uns alle. Wir kennen fast alle die Geschichte von Nietzsche, der einmal sagt: Wenn ich an Gott glauben soll, dann müssten die Christen erlöster aussehen. Das ist eine Anfrage, die uns hier gestellt wird, inwieweit unsere Gottesdienste und das Mitfeiern wirklich Freude macht, uns innerlich aufmuntert, und uns damit zu unserem Menschsein verhilft. Wie spüren Menschen unser erlöstes Christsein? Wie spürt Fürstenried, dass Sie am Sonntag aus dem Gottesdienst kommen? Wenn uns jemand entgegenkommt, merkt der, dass wir vom Gottesdienst kommen? Schauen wir erlöster aus? Ist uns das Lächeln ins Gesicht geschrieben? Lassen wir spüren, was es heißt, der Sonntag geht uns nicht nur persönlich etwas an, sondern durch uns hindurch auf so manches andere? Warum zünden wir die Osterkerze am Sonntag an? Damit sie uns daran erinnert, dass wir erlöste Christen sind. Mit diesem Gedanken hat z.B. zu tun das Sonntagsgewand. Früher war es draußen am Land das Herrichten des Hofes, das Kehren der Straße, das Herrichten des Hauses, das Sonntagsessen. Am Samstag Abend wurde man als Kind gebadet. An das können Sie sich wahrscheinlich teilweise auch noch erinnern. Und dann wurden die Formen des Gottesdienstes als Feier der Auferstehung wohl auch hinterfragt. Sind Sie Formen der Auferstehung? Ist unser Singen z.B. auch eine Form des Erlöstseins? Ist der Gottesdienst eine Form der Freude oder erschrickt man, wenn gar jemand einmal lacht? Welche Lieder singen wir? Welche Textformen, die Auferstehung verheißen, beten wir? Welche kindgemäßen Formen drücken aus, was wir meinen? Das alles sind Anfragen, die vom Ostergeschehen herkommen und uns fragen lassen, geht ihr mit, lasst ihr spüren, was letztlich alles Befreiendes Sein ausmacht. Eine kleine Geschichte soll das erklären:

Eine Himalaya-Expedition war unterwegs nach Norden. Nachdem die Gruppe den ersten großen Paß überschritten und eine kurze Rast gemacht hatte, rief der Expeditionsleiter wieder zum Aufbruch. Dem leisteten aber die indischen Träger nicht Folge. Als ob sie nichts gehört hätten, blieben sie weiter auf ihren Planen hocken, die Augen am Boden, und schwiegen. Als der Europäer weiter in sie drang, schauten ihn einige Augenpaare verwundert an. Schließlich sagte einer: „Wir können nicht weitergehen, wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind.“

Oder eine andere Geschichte. Sie heißt: „Der unscheinbare Bruder“. Es waren einmal 7 Brüder, 6 gingen in die Arbeit, der 7. besorgte den Haushalt. Und wenn die 6 Brüder müde von der Arbeit nach Hause kamen, fanden sie das Haus geordnet, das Essen bereit, alles in bester Ordnung. Darüber freuten sie sich und lobten den 7. Bruder. Aber einer wollte klüger sein als die anderen. Er nannte den 7. Bruder einen Faulenzer und einen Tagedieb, der auch mit zur Arbeit und sein Brot verdienen solle. Dieses böse Wort fand leider bei den anderen Brüdern Gehör. Sie beschlossen einmütig, dass ihr 7. Bruder nicht länger seines bisherigen Amtes walten sollte. Sie nötigten ihn, auch am frühen Morgen mit auf die Arbeit zu gehen. Und dann machten die 7 Brüder eine überraschende Erfahrung: Als sie müde und abgespannt von der Arbeit am Abend nach Hause kamen, winkte ihnen kein heller freundlicher Lichtschein entgegen, keine fürsorgende Hand hatte das Hauswesen geordnet, kein Tisch war gedeckt, kein Bruder stand in der Tür und empfing sie mit einem herzlichen Wort. Und jetzt merkten sie, wie dumm sie gehandelt hatten, als sie ihren 7. Bruder seines stillen Dienstes enthoben hatten. Sie fühlten sich,weil es ihre eigene Schuld war, doppelt elend und verlassen. Dann beschlossen sie, den 7. Bruder wieder in sein Amt einzusetzen. Das verlorene Glück der 7 Brüder kehrte mit seinem heimlichen Segen zu ihnen zurück. Sie lebten einträchtig und in Frieden. So sagt es das Märchen.

Der Sonntag ist also unter seinen Werktagsbrüder der Tag, der, richtig gelebt, den anderen 6 Tagen Licht, Segen und Befreiung bringt. Das ist die 2. Seite unseres Altartisches. Sabbat, Tag der Ruhe – Ostern – Sonntag: Tag der Befreiung, des Freiwerdens, des nicht-wieder-auf-das nächste-Schauens – und sagen, jetzt muss ich geschwind noch das und das und das tun.

Die 3. Seite nennen wir den Sonntag als pfingstlicher Feiertag, d.h. als den Tag, an dem der Heilige Geist die Verbindung derer herstellt, die sich am Sonntag angenommen wissen und einander verstehen wollen, so wie es damals auch in Jerusalem war. Man verstand sich ohne Dolmetscher, es war eine Begeisterung spürbar, es war eine spielerische Ganzkörpererfahrung. Manche Darstellungen von Pfingsten oder vom Kommen des Geistes zeigen das. Aber wie sieht es aus bei uns und unseren Gemeinden, ganz gleich wo? Wenn ich in eine Kirche hineingehe oder wenn Sie in Urlaub gehen, und Sie gehen dort in die Kirche, erkennen Sie in dieser Gemeinde, dass es eine christliche Gemeinschaft ist? Dass die Menschen froh sind, dass Sie kommen? Die selbstverständlich nicht genau in der ersten Sitzbank sitzen und die anderen alle darüber steigen lassen? Das geht bei Ihnen ja relativ leicht, weil Sie weite Kniebänke haben. Aber so ist es doch manchmal auch in unseren Dorf- und sonstigen Kirchen, dass nur die äußeren Ränder besetzt sind und dass man, wenn man als Fremder kommt, schon manchmal etwas Schwierigkeiten hat, auch dann wieder zurückzukehren an den eigenen Platz, weil vielleicht dort sonst immer jemand anderer sitzt. Ich meine, dass die Frage der Gemeinschaft etwas ganz wesentliches in unseren Sonntagsüberlegungen darstellt. Oder, dass man jemanden, den man noch nicht kennt, und der zu Ihnen in die Kirche kommt, zulächelt? Im Gegenteil, vielleicht sogar begrüßt, dass man spürt, um was es letztlich geht, dass sich da Menschen treffen, die alle getauft sind, alle hereingenommen sind in dieses Mahl, alle hereingenommen sind in den Segen unseres Gottes, und an Pfingsten spürbar machen, was letztlich möglich war, damals, in der Zeit, als Petrus hinausging und ihnen verkündete, was es ist um diesen Herrn Jesus Christus, der mit seinem Geist mitten unter diese Welt gekommen ist. Stellen Sie sich einmal vor, was wäre gewesen, wenn Petrus nicht hinausgegangen wäre? Wie wäre das gewesen, wenn er gesagt hätte: „Na ja, es ist mir zu gefährlich da draußen, da gehe ich lieber nicht hinaus.“ Er wäre drinnen geblieben, die Menge draußen hätte sich verlaufen, sie wäre verschwunden, die Apostel hätten miteinander überlegt, wie es weitergehen kann. Sie wären wahrscheinlich wieder zu ihren alten Berufen zurückgekehrt, sie wären wieder Fischer geworden am See Genesareth, hätten sich im Jahr darauf noch einmal getroffen, hätten Fotos ausgetauscht, hätten versucht, ein bischen über das ganze zu reden, und so wäre das alles untergegangen, eingeschlafen, verschwunden.

Es muss also immer wieder Leute geben, die hinausgehen und sagen: liebe Leute, wir sind mittendrin, dass wir diese Gemeinschaft der pfingstlichen Feiertage heute am Sonntag leben. Und wenn wir ein Pfarrfest haben, dann darf man das ruhig auch hören, wir brauchen uns nicht zu verstecken. Ich denke, dass z. B. Fremdenverkehrsorte hier eine ganz eigene Aufgabe haben und besitzen, um den Leuten, die hier ihre Ruhe und ihre Erholung suchen, auch den Bereich des Christseins und des Gottesdienstes aufzuschließen. Ich meine, dass der Sonntag der Tag ist, an dem wir uns angenommen wissen, und dass wir dies, übersetzt in unser Leben, immer wieder aufs neue erkennen.


Als vierten Teil unseres Altars möchte ich nach der Gemeinschaft den Frieden nennen als Folgerung des Sonntags. Ich kann nicht an einem Sonntagsgottesdienst teilnehmen oder überhaupt Sonntag feiern, ohne dass das auch eine bestimmte Folgerung für die kommende Woche in sich birgt. Diese Folgerung heißt letztlich eigentlich Friede. Das ist nicht bloss das Nicht-Krieg-führen, sondern Frieden heißt, dem Raum geben, in dem sich Menschen treffen, in dem Menschen Menschen sein können. Es ist die Ausrufung der Heilsbotschaft. Deshalb gehört dier Friede wesentlich zum Sonntag, und kann dadurch, dass der Friedensgruß nicht bloß irgendwo nebenher gegeben wird, sondern als wesentliches Merkmal des Gottesdienstes aufscheint, auch hier mit einem ganz deutlichen Ausrufezeichen versehen werden.

Auch unsere Kinder spüren sehr deutlich, was es heißt, Frieden zu schaffen, Frieden zu haben, und im gottesdienst den Friedensgruß zu geben. Der Friedensgruß ist nicht bloß irgendeine Floskel von einem Liturgigker, der vielleicht nichts anderes gewußt hat. Es geht wirklich darum, diesem Frieden einen Raum zu geben, dass wir ihn auch ernst meinen, wenn wir anderen sagen „Der Friede sei mit Dir“, „und auch mit dir.“ Ganz abgesehen davon, dass man vielleicht am Sonntag am ehesten ein etwas schwieriges Telefonat erledigen könnte, das schon längst einmal wieder eine Friedensbrücke zu einem Menschen herbeiführen soll.

Nun wieder eine kleine Geschichte: Ein portugiesischer Seifenfabrikant sagte zu einem Priester: „Das Christentum hat ja nichts erreicht. Obwohl es schon bald 2000 Jahre gepredigt wird, ist die Welt nicht besser geworden. Es gibt ja immer noch Böses und böse Menschen.“ Der Priester wies auf ein ungewöhnlich schmutziges Kind, das am Straßenrand im Dreck spielte und bemerkte: „Schauen Sie, Ihre Seife hat auch nichts erreicht. Es gibt immer noch Schmutz und schmutzige Menschen in der Welt.“ - „Seife“, entgegnete der Fabrikant, „nützt nur, wenn sie angewendet wird.“ Der Priester antwortete: „Christentum auch.“

Wie erhält also der Sonntag wieder ein etwas anderes Gesicht für uns persönlich? Er erhält dann wieder ein Gesicht, wenn die Christen ihrem Glauben das Gesicht verleihen, das ihnen holzschnittartig hift, sich selbst und den Sonntag als wesentliche Ausdrucksform ihres Glaubens zu erkennen.

Das ganze ist eben wie ein Tisch mit den 4 Seiten: des Sabbats, der Befreiung in der Auferstehung, der Neuansatz des Geistes in den Gemeinden, in denen Gemeinschaft erfahren wird und des Friedens, der das ganze weiterführt in die kommende Woche.

Das pfingstliche Leben ist für uns alle nicht nur irgendwas, sondern etwas ganz Entscheidendes für unser Leben. Jetzt fragen wir uns natürlich, auch wir Pfarrer, wie geht das weiter mit uns am Sonntag? Haben wir noch, oder haben unsere Nachfolger Leute, haben unsere Kinder und Kindeskinder bis dahin auch noch die Möglichkeit, Gottesdienst zu feiern und das zu erleben, was es heißt, Gottesdienst als Dank gegenüber unserem Gott, der uns zu allererst geliebt hat. Das ist ja das Entscheidende. Gott ist ja kein Lehrer, ich habe nichts gegen die Lehrer, aber die Lehrer müssen zuerst eine Prüfung halten und dann bekommen wir eine Note. Und so meinen manche, dass es beim lieben Gott auch ist. Seid mal schön anstädnig und dann gebe ich euch eine gute Note, sprich: einen Platz im Himmel. Bei Gott ist es aber ganz anders. Er gibt zuerst und wir geben eine Antwort darauf. Er schenkt zuerst, und wir versuchen, diesen „Zuerst-Geschenken“ mit unserem kleinen Menschsein eine Antwort zu geben. Das ist etwas ganz entscheidend anderes.

Diese Verantwortung, die wir hier haben, ist sicher etwas ganz Notwendiges, was wir letztlich gar nicht selbst machen können.

Ich sehe, meine halbe Stunde ist um. Ich kann Ihnen, will Ihnen auch nicht viel mehr sagen. Mir ging es darum, diese 4 Zeichen aufzuzeigen, die uns gehofen haben oder uns immer wieder helfen könnten, dass Gottes Liebe sichtbar und hörbar wird. Und dann kommen wir am Sonntag zusammen, Auge in Auge, kein nur persönliches Essen, sondern das „Normal“ im Leben des Menschen heißt miteinander essen, aufeinander schauen, heißt, füreinander da sein, und aufeinander warten zu können.

Ich erzähle Ihnen etwas von meiner eigenen Familie. Ich bin auch Münchner. Und wenn unsere Mutter hinten irgendwelche Suppen rührte, dann sagte sie immer zu uns Kinder: „Fangt derweil an, damit es schneller geht.“ Als ich älter geworden bin und begriff, was uns letztlich eigentlich verhinderte, als Familie zu leben, sagte ich: „Wir fangen aber nicht eher an, als bis du auch da bist.“ - „Aber das macht doch nichts,“ sagte sie. Sie war einfach eine Frau von altem Schrot und Korn. Aber wir 3 Kinder setzten es doch durch, dass unsere Mutter an den Tisch kam, und dann erst wurde miteinander gegessen.

Es ist etwas ganz Wichtiges, dass wir miteinander anfangen, dass wir Zeit haben füreinander, dass wir nicht schon wieder davonlaufen, und selbst wenn wir irgendwo eine ganz notwendige Arbeit haben. Und genau das ist es wohl auch, dass am Sonntag beim Mahl im Gottesdienst wir einander zutrinken, Symposion heißt es ja in der Antike. Und die Mähler im Alten Testament, die bei Abraham, und die im Neuen Testament bis zum Abendmahl, sind Gottesgemeinschaften. Und wenn wir das einmal spüren, dann ist diese Gottesgemeinschaft für uns etwas ganz Entscheidendes. Das Mahl ist für uns alle hier eine Kirchengemeinschaft, in der Ecclesia, was im Griechischen „Die Kirche“heißt, - sind die zusammengerufen, die irgendwoher kommen; selbstverständlich aus dem Pfarreigebiet von St. Matthias, aber genauso auch für andere. Wenn ich jetzt herkommen würde, ich gehöre auch mit dazu. Ich bin jetzt nicht unbedingt derjenige,der hier eingepflanzt ist, aber derjenige, der zu Ihnen mit dazugehört. Und deshalb ist es ganz wesentlich, dass Kommunion nicht nur Gemeinschaft heißt, sondern auch von „mulus“ als der Aufgabe her kommt. Wir haben auch eine Gemeindeverantwortung für alle, die sich z. B. zu uns herein verirren oder gerne kommen. Sind unsere Pfarrgemeinden Mahl-Gemeinden mit freundlichem Blick füreinander, ohne Drängen?

Noch ein kleines Bild: Die Hotels haben begriffen, dass die Menschen Mahl brauchen. Darum erfanden sie den sog. Sonntags-Brunch. Aber die Leute gehen dahin und sie erleben hier etwas, was sie brauchen, sonst würden sie ja nicht hingehen. Und diesen Sonntags-Brunch jetzt in unsere Tage hineinversetzt, in unseren Sonntag hineinübersetzt heißt „Mahl feiern,“ heißt sich Zeit lassen. Der Brunch ist nicht innerhalb von 10 Minuten hinuntergewürgt, sondern braucht Zeit, so wie unsere Sonntagsfeier Zeit braucht. Unser Herr sagt nämlich, in Ruhe, befreit vom Zwang, feiert ihr in Gemeinschaft, voll vom Frieden, den ihr hinaustragt, das Mahl, das euch gibt, und gibt, und gibt, und einlädt, und gibt.

Denn so schön heißt es einmal in einem Satz: Wir essen das Brot, aber wir leben vom Glanz. Wenn ein klein wenig über dieses 3.Gebot, über dieses Sabbatgebot, der Glanz unseres Herrn leuchtet, und wenn jeden Sonntag ein klein wenig, durch irgendwas, durch die Kerzen, auf einmal uns bewußt wird, dass dieser Gott uns ja nicht irgenwohin gestellt hat, sondern unter seinen Glanz, dann wird der Sonntag nicht untergehen, weil er viele Menschen hat, die ihn nicht nur brauchen, sondern die ihn geschenkt bekommen, und die dieses Geschenk auch erkennen.

Amen.-


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